Marie: Ausweglos (4)

Die Frage

Nach einer staubtrockenen Aktenwoche lud er Judith ins Café ein.
„Warum haben Sie die Gelegenheit denn damals nicht genutzt und zugegriffen?“ fragte er. „Ein gutaussehender Mann, gut gebaut, gut im Geschäft. Ich nehme an, er hat dort auch ein Haus?“
Sie nickte. 
„Sie hätten schöne, große gesunde Kinder. Stadtnähe. Ein Viertel wie geschaffen für junge dynamische Leute wie Sie. Und er.“ 
Sie seufzte. 
Sie saßen an einem Zweiertisch, inmitten anderer Zweiertische, die, wie Waben sorgfältig angeordnet, ganz ordentlich besetzt waren. Er bekam vom emsigen Trubel kaum etwas mit, er blendete es einfach aus.
„Stattdessen hängen Sie jetzt als Referendarin in diesem Büro rum, aus dem ich seit Jahren wegwill. Drücken alle paar Stunden irgendeinen Knopf an der Kaffeemaschine oder am Kopierer. Schlagen eine Akte auf. Und wieder zu. Und dazwischen findet die Hälfte ihres Tages statt.“
„Und wie lange wollen Sie denn schon aus dem Büro weg?“
Er winkte ab. Natürlich viel zu lange. Aber was sonst tun.
„Kommen Sie. Irgendeinen Traum hatten Sie doch auch. Als Referendar. Geld? Politik? “
„Hören sie auf!“
„Gerechtigkeit? Hatten Sie eine schwere Kindheit.“ 
Sie ließ nicht locker. Eigentlich war das seine Masche. Leute, die er mochte, ein bisschen quälen, aber selbst schön in der Deckung bleiben, damit er nichts offenbaren musste, was – zugegeben – nicht viel gewesen wäre. Ziele? Träume? 
„Ich hab‘ zuerst gefragt“, sagte er grinsend als könnte er sich durch die Festlegung einer Reihenfolge retten.
Sie sah ihn an. Mit verdammt leuchtenden, schalkhaften Augen, als ob sie ihn durchschauen würde. Und wieder dieser lange, unergründliche Blick, der alles verlangsamte. Das Denken, die Bewegungen der Leute im Hintergrund, den Puls von allem. Kann man in Zeitlupe hören?
„Ich bin zu jung“, sagt sie rasch und schlug die Augen nieder. „Ich habe noch zu wenig erlebt. Ich kann mein eigenes Leben noch in keinen Vergleich einbringen.“
„Was für Formulierungen“, lachte er auf und da war es wieder dieses provozierende Leuchten in ihren Augen.
„Sie kennen sich schon verdammt gut aus. Mit den wichtigen Lebensfragen. Sie sind 25 und denken wie jemand in seiner Midlifecrisis.“
„Und?“
Das waren die Momente, da ihm Marie im Kopf herumgeisterte. Auch sie hatte diese Fragen gestellt. Eigentlich schon immer. Nur anders.

„Ich weiß, es gehört sich, so etwas zu haben. Ziele, Wünsche. Aber stellen Sie sich vor, ich habe so was nicht. Wenn du träumen willst, leg dich ins Bett, hat mein Vater immer gesagt.“
„Wirklich nichts?“ in Judiths Stimme steckte ein Hauch Enttäuschung, für die es eigentlich noch zu früh war.
„Zu umständlich, es zu erklären.“ Er wusste, es konnte rasch anstrengend werden, wenn man sich zu schnell zu sehr in die tieferen Dinge des Lebens begab. Er hatte es oft genug erlebt.
„Lassen Sie mir ein paar Geheimnisse.“
„Versuchen Sie’s“, es klang fast flehentlich. Er stutzte. Als würde sie sich für ihre eigene Neugier verdammen.
„Bitte.“
„Höre ich da ein Flehen in Ihrer Stimme?“
Er winkte dem Kellner, um zu zahlen.
„Ja. Ich würde gern lernen, Maß zu halten.“

Natürlich kam Sie darauf zurück. Judith war nicht vergesslich. Was trieb sie nur, seine Nähe immer wieder zu suchen, fragte er sich. Diese dezente Zurückhaltung, diese unaufdringliche Aufmerksamkeit für ihn. Und diese verdammten Fragen. Wie Marie, dachte er.

In einer Mittagspause kamen sie abermals darauf zu sprechen. Sie saßen auf einer Bank am Kanal, die Sonne brutzelte ihre müden Büro-Gesichter. Sie kauten aus Plastik-Näpfen vom nahegelegenen Imbiss gesunde Rohkostmixturen mit halbwegs einfallsreicher Salatsoße. Ein Ausflugsdampfer rattert an ihnen vorbei. 
„Also gut. Mein Ziel ist die Herstellung einer Stimmung, eines Zustands. Das ist mein Traum. Das suche ich. Aber es wäre banal und lächerlich, wenn ich’s illustriere.“
„Eine Stimmung? Versuchen Sie’s. Klingt interessant.“ 
Er seufzte.
Er verschwieg das Beispiel, das ihm alle anderen, früheren und späteren Momente seiner Unzufriedenheit und Unberechenbarkeit erschloss. 
Es war einer der äußerst seltenen Wochenend-Ausflüge mit Marie zu einem riesigen Baggersee. Lydia war mit den Kindern zur Kur. Sie lagen auf dem ausgedörrten, harten Gras der hohen Böschung, eine Lichtung inmitten junger Nadelbäume. Er mit dem Kopf wie ein Kind auf ihrem weichen Bauch. Sie strich absichtslos und mit ihren Gedanken weit weg, durch sein dichtes Haar. Wie eine Wiese so kam ihm sein Haar vor. Und ihre Finger wie ein sanfter, hartnäckiger, aber absichtsloser Wind. Eine große, angenehme Leere legte sich über ihn und er versank, schwerelos wie ein Stein im Wasser, still und stumm. Selten hatte er so wenige Worte mit jemanden gewechselt, mit dem er entspannt und gern mehrere Stunden verbrachte. Er fühlte und ahnte, vermutlich zum ersten Mal, dass er eigentlich einen sehr ausgeprägten, introvertierten Charakterzug besitzen könnte. 
Oft wenn er nach dieser Begegnung mit Marie in großen verschnatterten Gesellschaften saß, dachte er an diese ausgedörrte Böschung. Dass manche Menschen sich auch in reger, vertrauter Gesellschaft abgeschieden und isoliert fühlen und zugleich wohl fühlen konnten, war ihm bis dahin nicht klar gewesen, hatte er auch nie selbst zuvor erlebt. Aber nach dem Erlebnis auf der Baggersee-Böschung wurde das anders. Er führte dann, auf diesen Gesellschaften, routiniert wohlwollende, kurze Konversationsdialoge, um nicht aufzufallen. Sie verhüllten, dass er eigentlich nichts zu sagen hatte, er zeigte den Leuten höflich, dass er da war, dazu gehörte und zog sich dann rasch zurück, in irgendeine Ecke, auf irgend eine Sitzgelegenheit und versank dort augenblicklich in sich, war fort. Er lernte es mit der Zeit, diesen Zustand der Anwesenheit ab- und anzuschalten, ohne dass er verdächtig wurde. Niemand, auch Lydia nicht, bekam es mit. 

Aber statt Judith von diesem unscheinbaren Ereignis zu berichten ließ er es weg. Aus Zweifel, von dieser jungen Frau verstanden zu werden. Natürlich hätte er Judith die Geschichte auch anders erzählen können. Mit anderen Personen. Ohne enthüllen zu müssen, dass er mit Marie eine Geliebte hatte. Aber er wollte nicht. Irritiert bemerkte er, dass es ihm wichtig war von Judith verstanden zu werden. Warum sollte das wichtig sein?

„Und?“

Er wich aus und sprach von ein paar Stunden am See, die er vor ein paar Jahren mit Lydia und den Kindern erlebte. Jener See, an den er und Lydia seit vielen Jahren einen Wohnwagen auf einem gemeinschaftlich gepachteten Grundstück zu stehen hatten, zwei Autostunden von der Stadt fort. Sein halbwüchsiger Sohn, der ihm beim Frühstück vor dem Wohnwagen am Campingtisch die Phasen von Sucht erläuterte, statt endlich den Tisch abzudecken. Verleugnung. Aggression. Akzeptanz. Er erinnerte sich an seine Geduld ihm zuzuhören und zugleich nichts zu antworten. War das ein Unwille an Kommunikationsbereitschaft oder einfach nur ein Mangel an Energie, sogar den eigenen Kindern und der fleißigen Lydia gegenüber, die er wie einen Schatten um sich spürte. Aus beiden war damals das Bedürfnis gewichen, miteinander zu schlafen. Fast befremdend, die Stunden, die man miteinander allein verbrachte, Zeichen eines eigentümlichen Rückzugs. Die Fröhlichkeit der Söhne und Lydias, die ihn nicht störte, wenngleich er keinen Antrieb spürte sich dieser freudigen Leichtigkeit anzuschließen. Die Fähigkeit, das kurzzeitig vorzutäuschen. Aber all das erwähnte er Judith gegenüber nicht.

Er sprach von der Sonne am See, die hinter den milchigen Wolkenstreifen verschwamm, die Hitze, die am Mittag bleiern stand. Er sprach von den welken Blättern auf der Oberfläche des brühwarmen Sees, die ihn irritierten, weil sie groß waren und die er als Fischleichen vermutete. Er sprach vom Rattern der motorisierten Boote, die an einer speziellen Stelle des bewaldeten Ufers ausgespuckt oder wieder verschluckt wurden. Er sprach von den faltigen Wellenlinien, den Rufen der Kinder über den See. Von den knotigen Apfelbaumstämmen auf dem Grundstück. Vom heruntergeschorenen Gras. 

Und dann kam er zu Judiths Frage: Welche Stimmung? Es war so schwer zu bemerken und gar zu benennen, was man wollte. Es war leichter halbwegs zu erspüren, wenn man sich wohl fühlte oder wenn man es nicht tat. Und selbst diesen Unterschied zu erspüren bedurfte es mitunter auch einer großen Kunst, denn manchmal lagen Wohlgefühl und Unwohlsein nicht sonderlich entfernt voneinander. Aber hatte das alles überhaupt mit Zielen und Wünschen zu tun? Gewiss es mochte eine Verbindung geben, aber auch einen Zusammenhang? Eine geradlinige Abhängigkeit des einen vom andern? Nein. Er wisse es so gesehen gar nicht. Überhaupt nicht. Ob Judith verstünde, was er meine.
Sie sah ihn lange an.

„Vielleicht bin ich noch zu jung“, sagte sie und schüttelte den Kopf. 
Sie schaute auf das Kanalwasser, zur grünbraunen Brühe. Er musterte sie irritiert von der Seite. Sein Blick wanderte erstaunt von ihrer Wange zum schlanken Hals hinunter.
„Vielleicht bin ich noch zu jung“, wiederholte sie.
Der Satz beeindruckte ihn sehr.

Eigentlich war sie ihm viel zu jung und sein innerer Widerstand enorm, sich auch nur vorzustellen, sich in diese soviel Jüngere zu verlieben oder gar zu erwägen, etwas mit ihr zu „beginnen“. Und dann auch noch mit einer Bürokollegin. Er achte peinlich genau darauf, sich nicht in solch ein Gefühl des Verliebens und in die Erwartung des „etwas mit einander zu beginnen“ hineinzusteigern. Damit hatte er immer schlechte Erfahrungen gemacht und nicht gerade wenige. Doch zugleich wollte er nichts verhindern, weder beschleunigen noch aufhalten. Treibholz eben im Fluss irgendeines Geschehens. Und ihr schien es ähnlich zu gehen, vermutete er. 
Schien es ihm und ihr zu gefallen, hin und wieder Zeit mit einander Zeit zu verbringen, und einfach nur Spaß daran zu haben, sich dabei zuzuschauen, wie man sich, quasi in Zeitlupe, von Arbeitstag zu Arbeitstag immer mehr mochte? Wie sie sich in ihn und wie er sich in sie, wie sie sich ineinander verliebt machten?

Judith spürte, dass er auf mysteriöse neue Weise, nicht auf eine Affäre aus war. Er machte ihr gegenüber keinen Hehl daraus, dass er sie als klug, talentiert und für ihr Alter überraschend erfahren und reif fand. Und er vermied es, daran zu denken, dass er sie als begehrenswert empfand. Zu sehr war ihm die Situation präsent geblieben als er ihr bei diesem athletischen Engel die Kette schloss und in ihre Nackenlinie versank. Und dieser verflucht betörende Duft. Er vermied diszipliniert nach weiteren Details einer hinterhältigen Erotisierung Ausschau zu halten, auch wenn sie ihm hin und wieder natürlich ins Auge sprangen, zu scharf war sein Auge über die Jahre darauf trainiert. Wenigstens konnte er seinen Fokus, was diese Details betraf, auf Unschärfe stellen oder ganz ausblenden. Erstaunt registrierte er, wie leicht es ihm fiel, auch seine Sprache, seine Bemerkungen damit nicht zu infizieren und sie sozusagen „jungfräulich“ zu halten. Frei vom Flirt.
Es bereitete ihm sogar zunehmend Freude, die vielen Anknüpfungspunkte, die sich für begehrende Zweideutigkeit boten, auszuschlagen. Auch blieb er konsequent beim „Sie“. Er war mittlerweile der Letzte im Büro, der das Du, das ihm als den Älteren ihr anzubieten zustand, vermied. Selbst als ihr desöfteren, aus reiner Gewohnheit den anderen gegenüber ein Du rausrutschte, stieg er nicht darauf ein, genoss aber heimlich die ihr versehentlich unterlaufene Vertrautheit. So als würde sie ihn insgeheim schon längst Duzen. Eindringlicher als die anderen.

Er erinnerte sich an Marie, die in einem Moment größter Nähe, als sie nach Monaten oft endloser Stunden des Umarmens, Streichelns und innigen Küssens, ohne sich Sex zu gönnen, dann doch schwach wurde und gierig mit ihm schlief. Da nämlich stammelte sie ein Duuuuhh, das Du, das all das beinhaltete, was sie zu sagen gehabt hätte über das tiefe Glück dieser Nähe, die sie dann empfand und von der sie wusste, dass sie so verdammt flüchtig war. Diese unzuverlässige Nähe, die sie später nach einem abermals langen Vorlauf immer wieder suchte und brauchte, um sie wieder zu erlangen: Duuuuuhhh. Und nicht anders ging es ihm.

Er verbot sich, gegenüber Judith sein nebulös empfundenes Begehren selbst auf charmant-unaufdringlichste Weise zu zeigen. Und dennoch spürte er, wie es ihr einfach Spaß machte mit ihm unbeschwert zusammen zu sein. Er bemerkte, wie sie seine aufs „Jungfräuliche“ geschrumpften Blicke und Gesten, seine Wachheit, seine Stimme, seinen Tonfall für sich genoss. 
Ihm ging es mit ihr nicht anders. Es schmeichelte ihm, dass eine so schöne junge Frau seine Nähe suchte, auf diese elegant zurückhaltende, aber nicht passive Weise. Als wäre es ihre Natur, als beherrschte sie auf ganz naiv-anmutige Weise das Geheimnis der Verhüllung und der Weglassung, dass die gelingende Erotik ja so sehr braucht wie der Mensch die Luft zum Atmen. Sie spürten beide recht bald, dass hier keines der üblichen Büro-Balzspiele ablief, die rasch zur Sache kommen und die sich sonst nur in ihrem Vollendungstempo unterschieden. Ein Grobian, der dies als Zuschauer hätte erleben müssen, würde vermutlich irgendwann entnervt gerufen haben: Fickt endlich! 
Natürlich bemerkten sie auch, dass sie um genau diesen Punkt herumtänzelten, der es zugleich kompliziert machen würde. Doch wirklich quälend wurde sie nicht, die Art dieser täglichen Nähe. Fast schien es sogar durchgestanden, ohne „Vorfall“ und „Anstoß“, der alles verändert hätte, sich über die Arbeitszeit hinaus nochmals privat zu treffen. Fast wäre Gewöhnung eingetreten, dass es nun war, wie es war, platonisch-herzlich. Fast war es soweit, dass diese irritierend-erotische Spannung wieder abzuflauen begann, da brachte der blöde Zufall einer Umarmung das gewonnene und so gut trainierte Gleichgewicht ins Rutschen.