Marie: Ausweglos (3)

Die Wohnung

Drei Monate nachdem Marie verschwunden war, bekam er einen Brief von Marie. Sie bat ihn, ihre Wohnung aufzulösen. 
Er könne mit den Büchern machen, was er wolle, doch solle er sie nicht suchen und er möge bitte ihren Jungen besuchen und ihn sich ganz genau anschauen. Ganz genau. 
Marie hatte ihm eine Vollmacht beigelegt, die ihm erlaubte, die Wohnung aufzulösen. Doch er zögerte, die Wohnung aufzulösen, denn sie war der ideale Ort, ganz ungestört für sich allein zu sein.
Am Mittwoch, nachdem der Brief in der Kanzlei angekommen war, ging er in ihre Wohnung, mittwochs, so wie er es die letzten Jahre oft tat als Marie noch in der Stadt war. Zum Wochenende sahen sie sich nie. Es wäre zu stressig gewesen, dafür Alibis zu erfinden. Und Marie selbst legte auch keinen Wert darauf. Außer einmal…
Als er die Wohnungstür aufschloss bemerkte er, dass sie die Wohnungstür nur zugezogen hatte. Wie im Brief angekündigt, lagen alle Schlüssel und notwendigen Papiere auf dem alten Sekretär im Flur. 
Eigenartig, dass sie sich nicht die Zeit nahm, die Wohnung selbst aufzulösen. Neugierig schweifte er durch die Zimmer. Es schien, als hätte sie so gut wie nichts mitgenommen.

Ihm nie klar, wann genau die Affäre mit Marie begann. Auch nicht als sie ihm vor ungefähr zehn Jahren die Schlüssel für ihre Wohnung und die Haustür überließ. Er sollte damals für zwei Wochen, die Marie auf dem Land verbringen wollte, ihre beiden Crassula Ovata pflegen. Gleich viermal schaute er in ihrer Bude vorbei, um das wirr gewachsene Gestrüpp in den beiden Töpfen zu gießen. Am letzten Tag vor ihrer Rückkehr sprach er ihnen gut zu, wegen Marie bloß nicht die Köpfe hängen zu lassen. Von nun an, versprach er ihnen, übernehme er höchstpersönlich Verantwortung für sie. Er hatte den beiden Töpfen bei seinen früheren nachmittäglichen Besuchen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn Marie verschwitzt von der Arbeit kam und noch duschte bevor sie mit ihm schlief, wartete er solange im Bett auf sie, schaute aus dem Fenster und sah ungerührt an den ihnen vorbei, die Woche um Woche vor der schmutzigen Fensterscheibe verkümmerten. Marie hatte in der ganzen Wohnung nur diese beiden Blumentöpfe, mehr nicht. Und nun da er beauftragt war, sie zu pflegen, sah er sie sich etwas genauer an, einmal mit den neugierigen Augen eines verhinderten Botanikers, der er schon immer hätte gern sein wollen und zum anderen mit den Augen eines achtsamen Pflegers, der keine Fehler machen wollte. Sie taten ihm angesichts ihres jämmerlichen Zustands furchtbar leid. Staubig, mit ihren dicken, aber vor allem welken giftgrünen Blättern, standen sie kurz davor, ihre trockenen, krummgewachsen Zweige zu verlassen. Er entwickelte einen gewissen Ehrgeiz ihnen gegenüber, wollte die armen Dickblattgewächse unbedingt wieder aufpäppeln und sie vor Maries tödlicher Achtlosigkeit retten. Er duschte sie am zweiten Tag vorsichtig ab. Doch zu seinem Entsetzen fielen durch die Erschütterungen des Duschwassers die Blätter zuhauf ab. Er war so schockiert über die herabgefallene Menge, dass er das nächste Mal einen Wassersprüher mitbrachte, er schnitt gesunde Ableger aus dem Gestrüpp heraus, legte sie in Wasser damit sie Wurzelfäden entwickeln konnten, fuhr zum Baumarkt, besorgte aus der vollgestopften Gartenabteilung vier Tontöpfe sowie eine Tüte Erde, die er auf ihrem rumpligen Balkon zwischenlagerte, und pflanzte die Ableger später, als Marie längst zurück war, sorgsam ein. Als seien es seine eigenen Pflanzenkinder. 
Von da ab goss wenigstens hin und wieder und mit schlechtem Gewissen auch Lydias Topfpflanzen, für die er sich nie auch nur einen Moment ernsthaft interessiert hatte. Wieso eigentlich nicht?
Als Marie ungewöhnlich entspannt und ausgeglichen von ihrem zweiwöchigen Urlaubstrip zurückgekehrt war, behielt er die beiden Schlüssel einfach. Er wollte sie von Woche zu weniger zurückgeben. Manchmal ging er nach der Arbeit heimlich in die Wohnung, wenn er wusste, dass Marie Spätschicht hatte, pflegte die beiden Crassula und ihre vier Ableger-Kinder und die neue Ovata-Familie entwickelte sich prächtig. Er legte sich danach aufs Maries Bett, versank in einen kurzen Schlaf und machte sich zwanzig Minuten später erfrischt wieder los. Und da Marie die Schlüssel auch nach einem Monat nicht zurückforderte, wurden sie irgendwann das beglaubigende Siegel ihrer unausgesprochenen Affäre. Vielleicht war das der richtige Anfang ihrer Affäre. Vielleicht aber auch nicht.

Da er wenig Lust auf eine von Lydias überfallartigen Neugier-Attacken hatte, falls sie Maries Schlüssel finden würde, und noch viel weniger Lust auf seine Verlegenheit, den Gebrauch dieser Schlüssel zu erklären, beschloss er irgendwann, die beiden unauffälligen Flachschlüssel auf seinen eigenen Schlüsselbund zu fädeln. Lydias ihn stets überraschende Detail-Neugier offenbarte ihm oft genug, wie wenig er mit den Dingen verbunden war, die ihm umgaben und die ihn eigentlich im Leben erdeten. Es waren genau jene unberechenbaren Momente, die ihn nicht nur leicht aus der Fassung bringen konnten, im Guten wie im Schlechten, sondern wegen dieser hatte er sich einst in Lydia verliebte. Ein mysteriöser Schlüssel am Schlüsselbund, ein neuer Stift im Becher, eine unerklärliche Quittung, ein liegengebliebener, leerer Briefumschlag… 
„Erzähl mir die Geschichte dieses Briefchens!“ Dazu hatte Lydia ihn genötigt als sie aus einer Glasschale im Moulino einen Streichholzbrief fischte, ihre Mobilfunknummer reinschrieb und in sein verdutztes, damals sehr verliebtes Gesicht strahlte.
„Erzähl mir seine Geschichte“, wedelte sie mit dem Streichholzbriefchen herum. „Aber erst, wenn ich‘s dir beim nächsten Mal hier wieder raus pule!“ Küsste ihn und versenkte das Streichholzbriefchen in sein abgetragenes Jackett, das an einem der gedrechselten Arme des Garderobenständer neben ihm baumelte und der so überladen war von den Klamotten der Gäste, dass er sich, seit sie hier saßen panische Sorgen um die Standsicherheit dieser struppigen Kleiderpalme machte, sie könnte irgendwann auf Lydia stürzen, die mit ihren kräftigen kurzen Armen wild gestikulierte.
Lydia lachte damals mit ihren schneeweißen Zähnen, die nur eines der vielen Details war, die sie zum Blickfang aller Augen machte. Und damit auch ihn selbst. Denn wer war dieser unscheinbare Typ, dem so eine Frau ihre Aufmerksamkeit schenkte? Lydia legte Geld für die Rechnung auf den Tisch, das abzulehnen sie ihm burschikos und resolut verbat, küsste ihn nochmals genau auf den Mund. „Nächste Woche? Dieselbe Zeit?“ Und verschwand. Er war so irritiert, dass er nicht einmal wagte, das Streichholzbriefchen aus der Tasche zu holen. Was hätte er auch mit der Telefonnummer anfangen sollen, da sie ja entschieden hatte, wann es weiter geht. Und er dachte auch nicht im Entferntesten daran ihr abzusagen. Wer war er, fragte er sich, dass so ein „Feger“ ihm ihre Aufmerksamkeit schenkte.

Was Marie betraf, so fummelte er ihre Schlüssel ganz offen vor Lydia an sein eindrucksvoll dickes Schlüsselbund. „Stell dir vor, ich habe eine alte Klassenkameradin hier im Kiez wiedergetroffen. Sie ist ein bisschen dicklich geworden über die Jahre…“ Er konnte nicht umhin, Marie durch diese Beschreibung etwas zu entwerten, um den Verdacht bei Lydia auszuräumen, in Marie sei ernsthafte weibliche Konkurrenz in Erscheinung getreten. Zumindest glaubte er das. „Sie fährt jetzt ein paar Wochen aufs Land und hat mich breitgeschlagen, ihre Blumen zu gießen.“ Eine charmante, ungefährliche Geschichte. „Lüge so nah wie es geht an der Wahrheit“ sagte der Agentenführer Robert Redford in Spy Game zu Brad Pitt.  Das hatte er nie vergessen. So nah wie möglich an der Wahrheit lügen, wo begann da der Unterschied?

Als er herausfand, dass Marie es mochte bekocht zu werden, begann er sogar damit, mittwochs in der Wohnung zu kochen. Irgendwann, noch bevor sie von ihrer Buchladen-Schicht zurückkehrte, stand er nicht nur am Herd, sondern er räumte nebenher auf, fegte die kleinen Räume durch, wischte den Boden, der praktischerweise nur mit Linoleum ausgelegt war und keinen Teppich hatte. Das Wohnzimmer bestand hauptsächlich aus wackligen, vollgestopften Bücherregalen, er huschelte sogar mit dem knallbunten Staubwedel, der an der Messingklinke des Zimmers hing, emsig durch die Regale und über den großen Holztisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und von vier Stühlen umgeben war. Der Tisch diente Marie als Schreibtisch und streng genommen entstaubte er nicht den Tisch, sondern die Papier- und Zettelberge, die sich darauf wie Schiefergebirge stapelten. Ein abgewetztes Sofa stand direkt vor dem Fenster, davor schichteten sich sehr wackelige und zugleich kunstvoll ausbalancierte, wadenhohe Büchertürme, die Marie nach Themen sortiert hatte und die so was wie stehende Bücherlisten darstellten. Die Türme wurden niemals kleiner. Im Schlafzimmer stand am Fußende vom Bett der einzige Schrank in der Wohnung, windschief, die Türen mit einem Bierdeckel festgeklemmt. Und neben ihrem Bett wieder Büchertürme. Sie zog es offensichtlich vor, im Liegen zu lesen. 

Die Bücher waren es dann auch, die ihre Affäre so einfach machte. Sie las eigentlich ununterbrochen, las ihm viel vor, nachdem sie miteinander schliefen und sie war zufrieden mit ihm, weil er ein so geduldiger Zuhörer und bereitwilliger Vorleser war. Vielleicht war es der Preis, den er für die verlässlichen Zärtlichkeiten und den ausgiebigen Sex zahlte, den sie ihm freigiebig schenkte oder den sie sich schier unersättlich nahm. Wer hätte das schon exakt abwägen können, wer der Verführer oder der Verführte war. Es stimmte einfach. Das Maß zwischen ihnen. Und für ihn stimmte es wie noch nie zuvor. Und vielleicht war es auch dieses Maß, das ihn diese Affäre einfach nicht beenden lassen wollte.

Neben dem Kochen und Reinigen reparierte er, in der Zeit bevor Marie von der Arbeit heimkehrte, die defekten Dinge, die ihm auffielen, die klemmende Schranktür, der verstopfte Abfluss, das bedrohlich lockere Küchenregal. Schließlich füllte er hin und wieder sogar Maries Kühlschrank auf, der außer Butter, Milch und der immer gleichen Käsesorte nichts abwechslungsreiches bot. Marie mochte Speisen nicht zuzubereiten, sie empfand es als Zeitverschwendung und ernährte sich achtlos von Fertig-Essen und Cola. Sie zeigte überhaupt ein ungewöhnliches Desinteresse an ihren Körperumfang, der eben war wie er war. Ihre ungesunde Energiezufuhr stand ihrer Auffassung nach in angemessener Weise zu ihrem täglichen Energieverbrauch. Sie fuhr mit dem Fahrrad zum Buchladen, war dort acht Stunden auf den Beinen, und radelte wieder zurück. So nahm sie weder ab noch zu, blieb in der einmal erreichten Üppigkeit und befand es für ausreichend wie übrigens auch er, der sich nie gewagt hätte, einer Frau, sei es nun eine Geliebte oder die Partnerin, Vorschriften zu machen, wie sie proportioniert zu sein habe. Er machte sich selbst um seine eigenen Proportionen auch keine allzu großen Gedanken, obwohl er aus ihren Zärtlichkeiten herauslas, wie sehr sie seine noch recht passable Statur mochte.

Der Mittwoch gehörte ganz Marie, schon am Morgen spürte er eine leichte Aufregung und Vorfreude auf Marie, die er am Frühstückstisch vor den Kindern und Lydia unterdrückte, um sich selbst und diesen Tag nicht verdächtig zu machen. Auch sonst achtete er streng darauf, an jedem anderen Wochentag pünktlich zum Familien-Abendbrot zu erscheinen, dem geordneten bürgerlichen Lebensstil gehorchend, dessen Ordnungsprinzipien er mochte und die er als Vorteil empfand. Mit Ausnahme eben des Mittwochs, an dem er pünktlich zur gerade noch unverdächtigen Zeit, nämlich 22 Uhr, erschien und für die er sich ein passables Alibi besorgte, das Lydia irgendwann auch nicht mehr hinterfragte. Und es war ja auch nicht jeder Mittwoch.

Was Marie und ihn all diese Jahre in der Hauptsache aneinanderhielt, da sie mittwochs auch nie Maries Wohnung verließen oder das Bedürfnis hatten, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, war ihm selbst rätselhaft bis sie es einmal so formulierte: Sie seien einander wie Tankzapfsäulen. 

Und nun also, da nach zehn Jahren stiller, unauffälliger Affäre Marie fort war, war ihm Judith zugeflogen.