Marie: Ausweglos (5)

Fünf Stunden

Es ist ja die Eigenart so mancher Umarmung, dass man von ihr verführt wird bis man ihr schließlich ausgeliefert ist. 
Und genau das passierte ihm bei einer dieser dämlichen Abschiede, die teambildende Gruppenausflüge oft erzeugen, wenn sie halbwegs gelungen und angetrunken enden und man zur Verabschiedung in ein allseits fröhliches verbrüderndes Rudelumarmen verfällt, dessen Schwüre am nächsten Arbeitstag bereits vergessen sind.
Als die kleine Gruppe am Stadtbahnhof, ihr kollegiales Abschiedsdrücken startete, um sich dann aufzulösen und ein jeder in seine speziellen Bahn- und Bus-Verbindungen verschwand, ahnte er, dass es kompliziert werden könnte. Überhaupt umarmte er Judith nur, dachte er später, um nicht aufzufallen. Zurückhaltend nahm er sie in seine Arme, aber statt es rasch und flüchtig geschehen zu lassen, hielt er Judith einen Moment zu lange in der den Armen. Auch sie wollte sich so recht nicht lösen und wartete ab. Und so wurde mitten im heiteren Abschieds-Gemenge ihre Umarmung ein vorsichtiges suchendes Abtasten mit nuancenreichen Betonungen, dass sie beide vollkommen überraschte. 
Als die Kollegen gegangen waren liefen sie still nebeneinander durchs weitläufige Bahnhofsgebäude. Vor einem verschlossenen Presseshop blieben sie einfach stehen und er musterte sie mit einer tiefen Stirnfalte und fragte: 
„Was war denn das?“
„Ich weiß nicht?“ 
„Darf ich noch mal?“
Sie nickte. Er konnte es nicht fassen und sie wie es schien auch nicht. Als atmeten ihre Körper in der Umarmung durch die Mäntel hindurch hinein in den anderen, als wollten sie sich beweisen, dass sie die passende Hälfte des anderen sind.
So saßen sie danach schließlich betäubt in der Ring-Stadtbahn, die in ihrem Streckenverlauf keinen Anfang und kein Ende hatte und die noch bis Betriebsende, nur durch die Bahnhofshalte unterbrochen, ihre Runden ziehen würde, inmitten fremder Fahrgäste, die von Station zu Station ihre Zusammensetzung wechselten. Frauen und Männer, Paare und Einzelgänger. Sie ließ ihren Umstieg sausen und er den seinen, saßen sich auf den Abteilbänken am Fenster gegenüber, die Stadt leuchtete bunt und entrückt auf der Strecke durchs Fenster, die Bahnhöfe hell und grell. Keiner hatte Lust sich zu trennen, sie wollten einfach nur beieinanderbleiben und die Anwesenheit des andern genießen.

Als sie auch bei der zweiten Runde ihren Ausstieg ausließ, spürte er das Herannahen einer Gelegenheit, ihm war klar, dass er die Führung übernehmen musste, sollte noch mehr geschehen. Er nahm ihre Hand, die sich anfühlte als hätte sie schon lange darauf gewartet, denn ihr Daumen strich reflexartig, vertraut und zärtlich über seinen Handrücken. Als sie verlegen wagten aufzuschauen lag in ihrem Blick das, was er in seinem vermutete. Traurige, hilflose Sehnsucht. Die surrende S-Bahn erreichte erneut seinen Umstieg und er zog Judith einfach mit sich, ließ ihre Hand erst wieder los als sie in die nächste Bahn einstiegen. Sie blieben an der Tür stehen, dicht beieinander, stumm, ohne den Blick voneinander zu lösen. Drei Stationen später traten sie auf die immer noch sehr befahrene, breite Magistrale, die sich wie eine schwere, schuppige Schlange kilometerlang bis in die Außenbezirke wand, erreichten seinen Kiez, liefen still nebeneinander. 
Je mehr sie sich Maries verlassener Wohnung näherten, desto mehr fand er sich in der Rolle eines Kommandeurs wieder, der an den Kreuzungen mit der Hand die Richtung anzeigte und die etwa zu laufende Meterzahl voraussagte. An einer breiten Straßenecke zögerte er.
„Ich muss was sagen: Da drüben wohne ich. Mit meiner Frau und meinen Kindern.“
„Hm.“
Wieder zog er sie entschlossen weiter, er machte es sich leicht und sie machte es ihm nicht schwer, begleitete ihn ohne Widerstand, ohne Fragen, wirkte wie eine schwebende Feder neben ihm. Als hätten sie an dieser Kreuzung ein letztes, lästiges Hindernis überwunden, begannen sie freudig erleichtert banalen Unsinn zu schwatzen als wollten sie die gespannte Stimmung zerstören, von der sie beide betäubt waren, dieses überschießende Duseln, in blau und schwarz und rot und gelb, das vor die Augäpfel tritt und hindurchblitzt, bei ach diesem immer aufdringlicher werdenden irrationalen Wunsch nach Verschmelzen und Nahesein, dieser temporäre Blödsinn. Er wollte nur noch, das alles endlich abfiele in einer langen erlösenden Umarmung, und vermutete bei ihr ähnliches, die peinlichen Sprüche und Erklärungen des Danach bereits vorausahnend und verdrängend, die formvollendeten Eisblumen, die dann aus ihren Mündern herauskriechen würden, diese scheißklugen und zugleich beliebigen Sätze über die ewige Einsamkeit und ihre Unterbrechungen durch eben solche Erlebnisse. Sie waren unfähig, ernsthaft zu bleiben und gewitzt scherzen konnten sie auch nicht mehr. 

Er war vermutlich bereits zu abgebrüht und erfahren und sie noch zu jung und unerfahren, um zu ahnen, was jetzt kam und begann. Und so sanken sie in ihre lauernden, ausgestreckten Arme, nochmals diese eine Umarmung wiederholend oder verlängernd, kaum hatte er die Wohnung von Marie aufgeschlossen und sie waren eingetreten. Nach und nach wagten sie ein wenig mehr, nach der Kontur des andern mutiger greifend, die Haare und die Haut des andern schnuppernd, bis sie sich schließlich trauten auch die Lippen in dieses erkundende Spiel einzubeziehen, bis sie sich endlich, endlich küssten, tief und innig und in einen wirren, stotternd-stöhnenden Wortfluss fielen, immer wieder von heftigen Küssen unterbrochen als wollten sie sich gegenseitig das Maul stopfen. Endlich! Endlich! Zeig her deinen Mund, dein Gesicht, deinen Hals! Zeig alles her, schäm dich nicht! Zeig dich! Zeig dich! Sie knöpften sich erst sehr vorsichtig, dann immer hastiger gegenseitig die Mäntel auf, halfen sich aus den Ärmeln, ließen liegen was runterfiel. Versanken immer weiter ineinander, in ihre Münder, der Schweiß brach ihnen aus vor Erregung, sie genossen die Feuchte des andern, spürten sie an ihren Händen, überall, am Hals, im Gesicht, am Bauch, am Rücken, überall dort, wohin wo die Hände immer schamloser vordrangen, schließlich versunken in der Hose des andern, die sie noch nicht abgestreift hatten, die Feuchte des andern dort deutlich spürend. 

Endlich, um das Signal der finalen Hingabe zu geben, zog sie ihr Oberteil über den Kopf, machte er sich, als Antwort auf ihre Geste, an ihrer Hose zu schaffen. Doch das Oberteil war zu eng. Ihr hinreißender Schwanenhals kam einfach nicht durch das enganliegende, kragenlose Oberteil, ihr hochgestecktes Haar blieb daran hängen, mit seinen Haarnadeln und -klammern. Er hatte ihre Hose endlich über die Hüften und Oberschenkel herunter zu den Knien bekommen, küsste sie unterhalb ihres Bauchnabels, ihre langen schlanken Arme waren schon frei, aber eben nicht ihr Kopf, das Oberteil hing wie ein Trichter darüber. Sie stand hilflos da. Ein antikes Torso. 
„Du, ich muss noch mal zurück.“ 
Sie zog das Oberteil kichernd wieder herunter. Und stieg aus der Hose. Er fror. Die Haarnadeln und -klammern klimperten leise auf den Glastisch. Er zog sie ins Zimmer zum Bett, legte sich hinein, sie pulte sich geduldig aus dem Oberteil.
Wie oft hatte er hier mit Marie gelegen, dachte er, pellte sich im Liegen aus Hemd und Hose. Es war kalt und roch nach einem Gemisch aus Rauch und Rosenwasser. Er strampelte mit seinen Füßen die Decke frei wie ein Zelt, in das er Judith einlud endlich hineinzuschlüpfen. Sie zögerte keinen Moment. Zog auf dem Weg zu ihm das Unterhemdchen aus, streifte den Rennsattel ab, wie sie den BH später einmal nennen würde, ihre jungen weder kleinen noch großen Brüste rollten wie aus einem Korb heraus und sie glitt zu ihm ins Bett unter die Decke. Er löste sich fast auf als er endlich ihre Haut auf seiner spürte, es kam ihm so vor als sie würde sie sich wie ein Segel weit aufspannen, und um ja keinen Flecken von seiner Haut zu verpassen. Es geschah fast beiläufig, in sie hineinzugleiten, es passt einfach, es gehört zusammen, krächzte sie vor Lust.
Irgendwann drehte er sich, rutschte nicht heraus und legte ihre so verdammt langen, schlanken Beine über seine Schulter. Sie starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an.

„Oh Gott ist das schö-öön. Du, du—“

Die Neugier und das Staunen darüber wie Judith „so war“, wie sie sich im Detail anfasste, überwältigte ihn, die feinen Proportionen ihrer Waden und Oberschenkel, die harten hervorstehenden Beckenkämme ihrer geschwungenen Hüften, das in eine verblüffend schmale Taille fiel, ihr unverschämt flacher Bauch, dieser feingliedrig-zarte Brustkorb und ihre beinahe zerbrechlichen Schultern… Alles was er zwischen seine fiebrigen Hände bekam wollten sie sich einprägen, so als hätten sie ein eigenes Gedächtnis und es addierte sich zu einer Intensität, die ihn fassungslos machte. Beinahe ungläubig folgte er ihren Körperlinien, hielt inne, pausierte, bis er unwillig und zugleich neugierig weiterzog. 
„Zu dieser Stelle muss ich nachher unbedingt nochmal zurück!“
„Oh ja. Unbedingt.“
Bis er schließlich erlöst betäubt versank auf der unerhört feinen Oberfläche ihrer Haut. 
Was dann folgte, mutete ihm im Nachhinein fast lächerlich an, die grotesken Stellungen, die sie ausprobierten und sich dennoch wohl fühlten in dieser verspielt-schamlosen Offenheit, die nichts zu bedeuten hatte, außer Spiel, Erleichterung und Entspannung… und die fremde Haut so warm und fein, anschmiegsam und durstlöschend. Ohne Zweifel, es war der Sex wie er sich ihn heimlich wünschte und zugleich sorgfältig verdrängt hatte: schwelgend, treibend, schier endlos, unangestrengt ausdauernd, nicht wie ein Langstreckenläufer, sondern verspielt wie tollende herumrollende Katzen. Sie schnappten mit ihren Lippen nacheinander, jagten sich mit ihren Händen, steckten ineinander und ließen ab, rieben sich besinnungslos ineinander, hielten zärtlich lauernd inne, warfen sich wieder aneinander, aufeinander, zueinander, ineinander…
… und irgendwann kam sie schnorchelnd und zitternd wie ein Aal und irgendwann verschoss er sich endlos in ihr, es kam ihm vor als würde er auslaufen und nichts bliebe mehr zurück.
Danach lagen sie noch eine Ewigkeit umschlungen und schnurrten.

Als er zur Uhr rüber schaute, die auf dem Boden lag, waren drei Stunden vergangen, die krumme Stehlampe blinzelte noch immer neben dem Bett, mit ihrem diffusen unaufdringlichen Licht. Erst in zwei Stunden würde die graue Morgensuppe durchs Fenster schwappen und die ersten Morgenvögel im Hof schreien. Sie kauerte an seinem Rücken wie ein Äffchen. Er drehte sich um und glitt mit seinen Armen unter ihre Achselhöhlen, hob es an, schob es auf sich, dieses zarte, leichte Äffchen.
Eine halbe Stunde später spürte er, wie sie ihn anschaute, er schlug die Augen auf, da lag sie, er sah in ihr fröhlich-freches, zufriedenes Gesicht, ihr schlanker Körper ausgestreckt neben dem seinen, irgendwie hatte sie sich aus ihrem gemeinsamen Geschlinge von Beinen und Armen befreit, ohne dass er es bemerkte. Ihren Kopf hatte sie in die Hand gestützt.
„Du schnarchst.“
„Ich weiß. Wie lange schaust du mich schon an?“
„Lange.“
Er atmete aus, ein sehr langer sanfter Stoß.
„Ich fass es nicht. Was war das?“
Sie lächelte, strahlte, satt und entspannt. Sie schienen beide vollständig gesättigt.
„Ich weiß nicht, was das war.“
„Wow.“

„Was wirst du deiner Frau sagen?“
Es kam ihm absurd vor, dass er für diese Stunden sich würde legitimieren, entschuldigen, ja rechtfertigen müssen.
„Ich erzähle, dass ich hier war.“
„Mit mir?“
Sie schaute ihn ungläubig an. Er schwieg, als würde er ahnen, wie die Repliken ineinander schnappen würden, logisch und mechanisch, ein Klappern ganz den Gesetzen eines Ehebruch-Dramas folgend, wenn er jetzt darauf antworten würde, egal wie. Nach einer Weile antwortete er.
„Würde ich ihr sagen – allein. Wärst du dann enttäuscht?“
„Ich weiß nicht.“ 
Sie wusste es wirklich nicht, sah er ihrem Blick an.
„Würde ich ihr sagen – mit dir, einer Kollegin. Wärst du dann verunsichert?“
„Vielleicht.“
„Aus Angst, es könnte was Ernstes zwischen uns entstehen?“
„Vielleicht.“ 
Sie wusste es wirklich nicht, das sah er, obwohl sie lächelte.
Er lachte und zog an ihrer Nasenspitze.
„Mal sehen. Ich improvisiere.“

Er schob die Bettdecke zur Seite, stand auf. Seine Haut fühlte sich leicht an. Ungewöhnlich und unbekannt leicht und luftig. Er sah, wie sie ihn musterte, seinen doppelt so alten Körper. Es lohnte nicht, sich zu verstellen, die vermeintlich ungünstigen, gealterten Körperstellen zu verbergen. So waren sie eben. Geworden. Mit ihm zusammen alt geworden. Speckröllchen für Speckröllchen, Falte für Falte. Und sie fühlten sich gerade verdammt gut an, diese Stellen, gepflegt und erlöst durch ihre so ausdauernde, achtsame Zärtlichkeit. 
„Wieso kannst du das so gut?“
„Was?“
„Einen Mann anfassen. Mich.“
Er korrigierte sich schnell, obwohl er wusste, dass der erste Satz schon der richtige war, der Satz, der ihn interessierte.
„Ich interessiere mich für Männer.“
„Wie meinst du das?“
„Ich interessiere mich für sie. Und manchmal liebe ich sie. Und manchmal… begehre ich sie. Deshalb interessiert es mich, sie so anzufassen, wie ich glaube, dass es ihnen gefällt.“
„Verdammt gut gefällt.“
„Ach.“ Sie lachte. 
„Und wieso kannst du das so gut.“
„Reine Erfahrung.“
„Weil du es mit so vielen Frauen gemacht hast?“
„Weil ich es mit wenigen so oft getan habe.“
Er wusste, dass sie recht hatte. Aber auch er.
„Es geht mir mit den Frauen so wie es dir mit Männern geht.“ 
Sie stand fröhlich auf und umarmte ihn.
„Es hat mir sehr, sehr, sehr gefallen.“
Sie strahlte ihn an und er strahlte zurück. Kompliziert werden würde es erst in ein paar Stunden, dachte er, wenn sie sich im Büro wieder begegnen würden, und zog sie an sich. Und da war sie schon wieder. Diese verdammte Lust.
„Ich fass es nicht,“ flüsterte sie und wieder begann es. Sanft. Langsam. Sie spielten Zeitlupe.  Zeitlupe in allem. Im Küssen. Im Streicheln. Mit jeder Bewegung. 
„Ich will nicht aufhören damit. Nie wieder.“