Marie: Ausweglos (10)

Das Experiment

Nach seinem Kurztrip an die Ostsee war es für ihn irritierend Judith wieder im Büro zu begegnen. Er konnte den Altersunterschied zu Judith plötzlich nicht mehr verdrängen. Sein Gehirn spielte ihm auf heimtückische Weise einen mathematischen Streich. Weil Judith gerademal zehn Jahre älter war als Antonia, sah er in seiner Vorstellung plötzlich in Judith mehr eine mögliche Tochter als eine begehrenswerte Frau, der er als Jäger nachstellte. 

Eigentlich hatte er sich bereits an den Bürotagen nach diesen ungewöhnlichen fünf Stunden mit Judith, keinen Illusionen hingegeben. Die Stunden mit ihr war nur deshalb so intensiv, weil ihr Körper für ihn neu war. Ganz einfach. Mit Nähe hatte das nicht viel zu tun. Eigentlich hatte er geglaubt, ihren Körper während ihrer Begegnungen davor schon ganz genau ausgespäht zu haben, unaufdringlich und heimlich. Doch nichts davon stimmte, als sie miteinander schliefen! Was zum Teufel hatten seine neugierigen Augen bei dieser Frau bloß ausgeforscht, abgespeichert und ihn fantasieren lassen? Wie sie sich tatsächlich anfühlen würde? Ihr Körper kam ihm danach vor, als wäre er nur für seine Hände, für seine Haut, für seine eigenen Körperproportionen geschaffen, angegossen wie ein Maßanzug. Dasselbe empfand er allerdings auch schon bei der athletischen Lydia und bei der pummeligen Marie als er die ersten Male mit ihnen schlief. Aber diese ersten Male lagen eben lange zurück. Meine Augen haben mich so richtig im Stich gelassen, ja reingelegt und verarscht, dachte er überwältigt von ihrer Umarmung. Wirkliche Voraussagen darüber wie sich Judith tatsächlich anfühlen würde, davon verstanden sie rein gar nichts! Ein Augenschmaus von Frau? Was für eine dämliche Formulierung, die nicht einmal annähernd an das herankam, was er in diesen fünf Stunden empfand. Doch das war kurz danach. Jetzt schien ihm der Grund für seine Faszination viel banaler. Judith war einfach nur jünger als Lydia und Marie? Der plumpe Altersunterschied der Körper sollte ihn so fasziniert und überwältigt haben. Er war kaltblütig genug gegenüber seinen Begeisterungsanfällen, um nicht auf eine drohende Vergötterung von Judiths Körper hereinzufallen. 
Die Begegnung mit seiner Tochter Antonia, die er wie ein Mann anzuschauen, nicht unterdrücken konnte, half ihm dabei. Dieser kurzzeitige Rausch war vermutlich nur eine rein ästhetische Überwältigung, in der die körperliche und die zufällige spirituelle Zuneigung zu Judith zu einem schwer verdaulichen Klumpen verschmolz, von dem bald nichts übrig bleiben würde, außer einer Erinnerung, die er irgendwann auch noch verlieren würde.

Irritiert nahm er wiedermal zur Kenntnis, dass er vermutlich mit zwei komplett verschiedenen Gehirnen ausgestattet war. Das eine lieferte sich ganz der Situation aus und registrierte berauscht im Sechs-Sekunden-Takt die angenehmen oder unangenehmen Eindrücke einer Begegnung. Das andere Gehirn aber versuchte später diese Erinnerung bis zur Unkenntlichkeit umzuschreiben. Das Erlebnis wirkte schon fast wie ausgetilgt. Durch den unvorhergesehen Zwischeneinschub mit Antonia würde er im Fall von Judith resignieren und akzeptieren, dass diese beiden Gehirne in ihm nicht nur koexistierten, sondern dass das eine Gehirn die Eindrücke des anderen nach Gutdünken abändern und ein verlässliche Erinnerung wie auch ein bleibendes Gefühl für Judith und ihr gemeinsames Abenteuer auslöschen würde.

Es wurde sogar noch schlimmer. Wenn er Judith in diesen fünf entgleisten Stunden verwirrt und blindlings empfand, sich an ihr weidete, sie aufsog wie ein ungewöhnliches physisches Naturereignis, so beschämte es ihn jetzt so sehr, dass die abklingende Erinnerung an den Rausch mit einem kräftigen Scham-Virus infiziert wurde. „Haste dich mal mit Frischfleisch versorgt?“ und „Sie könnte deine Tochter sein!“ hörte er schon einige männlichen Kollegen höhnen, falls sie davon erfahren würden. Es kam ihm so vor als hätte er nicht nur in einem fremden Revier herumgewildert, das nicht mehr das seine war und das allein jüngeren Männern vorbehalten bleiben musste, sondern als hätte er einen Inzest begangen. Aber wo genau sollte er, wie bei einer Alterseinstufung im Film, eine Grenze ziehen? Wo ist die Grenze, sich mit jüngeren Frauen einzulassen? Zehn Jahre? 20 Jahre? 30 Jahre? 
„Typische schwanzgesteuerte Midlifecrisis“ hörte er indes den boshaften Spott der weiblichen Kolleginnen in seinen Ohren klingeln. Der Arme will noch rasch, im letzten Moment vor dem Absturz in die unausweichliche Akzeptanz des Alterns, vom Honigtopf der ewigen Jugend naschen, aus dem Judith als Vertreterin extra für ihn hinausstieg und sich ihm als allerletzte Trophäe hingab, das Flittchen. 

Was war nur los mit ihm? 

Und wenn er an Antonia dachte, wie hatte er übersehen können, dass Maries Kind all die Jahre, da er davon wusste, das seinige war? Ein Kind, das kurz davor stand sich ebenfalls in eine verdammt attraktive Frau zu verwandeln. Was war das all die Jahre für eine merkwürdige Nähe zu Marie, wenn man miteinander schlief, aber nicht die wichtigsten Geheimnisse teilte? Es kann ihm plötzlich vor, als sei der Sex, die so ziemlich oberflächlichste Sache, die man mit einer Frau haben konnte.

Und wie war das eigentlich mit der Nähe zwischen ihm und Lydia, seiner Frau? Empfand er sie? Und sie? Oder war es nur ganz normale Gewohnheit zusammen zu sein? Und was wäre so schlimm daran?

Was Judith betraf, so hatte er keine Ahnung, wie es ihr umgekehrt mit ihm ging. Sie sprach nicht darüber, wie er ja auch nicht. Nicht darüber, wie es für sie war in diesen unendlichen fünf Stunden, nicht, was davon zurückblieb, nicht, was es bedeutete. 
Weder wich sie ihm im Büro aus, noch mangelte es ihr an Gelegenheit, darüber ungestört zu sprechen. Sie schwieg einfach. Alles an ihnen beiden schwieg, was das betraf. Und alles, was ihr eigenes Leben betraf. Sie erlaubten sich nicht einmal die kleinsten Andeutungen, weder mit Blicken noch mit einem vieldeutigen Lächeln. Als wäre es nie geschehen. Und doch war es geschehen. Und auch wurde klar, dass dieses mutwillige Schweigen selbst etwas bedeutete. Nur was?

Er fragte sich, als sie ein paar Wochen später wieder dicht nebeneinander am Kanalufer standen, unbedacht schwatzten und ihr Imbiss-Mittag herunterkauten, was Judith eigentlich über ihn wusste? Was hatte er selbst über sich preisgegeben? Welche Andeutungen waren ihm rausgerutscht? Dass er fast doppelt so alt war, vor fast 17 Jahren eine Lehrerin geheiratet und zwei Kinder hatte? Was würde Judith annehmen, wie treu er seiner Frau in diesen 17 Jahren war? Und was dachte sie über die Wohnung von Marie, in der sie diese fünf Stunden verbrachten? Die Wohnung seiner langjährigen Geliebten? Und wo verdammt, kam sein und ihr körperlicher Hunger her? Er war doch keineswegs mit Sex unterversorgt! Keine Spur! Und sie? Neugierig fragte er sich, als er als er ihre feinen Kiefern beobachtete, wie sie den Salat im Mund zerkleinerten und ihre diszipliniert geschlossenen Lippen dabei rhythmisch mittanzten, würde Judith es nochmals wiederholen wollen? Und er, würde er es auch wollen, ja brauchen? Einfach alles geschehen lassen, was zwischen ihren Körpern geschehen wollte? Dort, in der Wohnung der spurlos verschwundenen Marie? 

Eine Woche später geisterte dieser Gedanke, wie ein knirschendes Sandkorn im Getriebe, noch immer in ihm herum, doch er verspürte er keinen Impuls aktiv zu werden. Allerdings genoss er die Gewissheit, dass es nicht nur für ihn, sondern auch für Judith ein ungewöhnlicher Moment gewesen sein musste. Er war sich sicher als ziemlich erfahrener Verführungskünstler eine eindrucksvolle Vorstellung abgeliefert zu haben. Er kannte sich darin aus, eine Frau sich mit ihm wohlfühlen zu lassen. Natürlich auch beim Sex. Selbstverständlich! Natürlich hatte er auch keinen Zweifel daran, wie unzuverlässig und irreführend dieser intime Eindruck war und wie schnell er in eine böse Täuschung münden konnte, nicht nur was die wirkliche Nähe zueinander betraf, sondern auch, was für er Unannehmlichkeiten heraufbeschwören konnte. 

Im Büro arbeiteten die beiden mittlerweile an einem verzwickten Fall zusammen, eine Familiensache. Ein Paar, das nicht verheiratet war und nie so richtig zusammengelebt hatte, benutzte ihre drei Kinder, um sich gegenseitig auszustechen. Die Mutter ziemlich offensichtlich, fand er. Der Vater umso subtiler, hielt Judith energisch dagegen. Es machte beiden Spaß für die eigene Position gute Argumente zu formulieren, auch wenn es nicht ihre Sache war hier überhaupt Partei zu ergreifen, denn das Familiengericht hatte die Kanzlei als gesetzlichen Vertreter ausschließlich für die drei Kinder bestellt und nicht für die Eltern. Mittlerweile war sogar ein psychologischer Gutachter hinzugezogen worden, der untersuchte, ob zwischen den Kindern und dem Vater überhaupt eine emotionale Bindung bestand. Die Mutter und ihr aggressiver Anwalt bezweifelten dies nämlich vehement und behaupteten, dass der Vater durch seine häufige Abwesenheit gar keine Bindung zu seinen Kindern aufbauen konnte.
Was aber die Hauptsache war, der Fall verschaffte ihnen reichlich Gelegenheit, sich zu sehen, einander zu erleben und zumindest ihm, seine frivolen Gedanken nicht zu vergessen.

So gewöhnten sie sich an, diesen und später ähnliche Fälle an zwei Nachmittagen der Woche in einem Café nahe der Kanzlei zu diskutieren, wobei Judith die Perspektive der Kinder einzunehmen übte, während er eine der andere Betroffenen-Perspektiven einnahm und mit größtem Vergnügen Judith Fallen stellte, ihre Perspektive zu verlassen. Er hatte selten Glück damit, staunte über ihre disziplinierte Auffassungsgabe und war irritiert über ihre schier unerschöpfliche Fähigkeit des ergänzenden Argumentierens, so dass er nicht mit Sicherheit unterscheiden konnte, ob sie einfach nur gern das letzte Wort hatte oder ob ihr die Sache wirklich so sehr am Herz lag, dass ihr jederzeit etwas dazu einfiel.

Diese beiden Nachmittagsgespräche weiteten sich so aus, dass er bald nur noch geradeso pünktlich nach Hause zum Familienabendbrot kam und sich dabei ertappte wie er gern darauf verzichtet hätte mit Lydia und den Jungs am Tisch zu sitzen und stattdessen länger mit Judith unter dem Vorwand ihrer wichtigen Besprechungen im Café geblieben wäre.

Drei Wochen später, als Judith wieder einmal während ihrer glühenden Argumentationen mit ihren schlanken Armen um sich fuchtelte und sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht pustete, ertappte er sich dabei, wie er darüber nachdachte, ob er mit Judith nicht doch eine Affäre beginnen könnte und es nicht bei diesem einen Ausrutscher belassen sollte. 

Er beließ es nicht dabei. Und auch seine Scham über den Altersunterschied, angereichert durch die Begegnung mit Antonia, hinderte ihn nicht, sich in die Vorstellung einer Affäre hinein zu vertiefen. Zeit heilt nicht nur Wunden, sondern auch Scham, Scheu und Gewissensbisse. Er fand einfach kein einziges stichhaltiges Argument, warum er auf die aufregende, intime Fremdheit mit dieser jungen Frau verzichten sollte. Im Gegenteil, er fand vielerlei Gründe, die für dieses Experiment sprachen. Vielleicht konnte er ja diesmal die heimliche Affäre sogar vor den Routinen und Konflikten schützen, die sonst üblicherweise irgendwann eintraten. Aber wie machte man das? Indem man dem unausweichlichen Vertrautwerden die richtige Balance von Fremdheit entgegensetzt? Indem man den Zauber des Anfangs schmachtend verlängert? Indem man diesen aufregenden intimen Anfang schützte wie einen Goldschatz, was in einer langjährigen Beziehung deshalb so schwer ist, weil man sich ja mutwillig immer wieder hätte eine Abstinenz zulegen müssen, die zu leisten er nicht einsichtig wäre oder einzufordern zu ängstlich. Eine Affäre mit zufällig eintretender Intimität, aber ohne intime Absicht. Vielleicht so was, dachte er. Geht sowas?

Einen Monat nach ihrem gemeinsamen sexuellen Aussetzer startete er mit dem Experiment. Er ging nun vor, wie auf einem geheimen Feldzug, dessen Planmäßigkeit niemand erahnen sollte, weder die Kollegen noch seine Frau und schon gar nicht das Opfer selbst, Judith. Warum so umständlich und nicht direkt auf das Ziel losgehen, dachte er einerseits. Warum sich nicht Zeit lassen, dachte er andererseits und es genießen von der eigenen Verführung verführt zu werden. Wer weiß schon, wo man dann herauskam?
Zunächst teilte er Lydia mit, dass er mit der jungen, unerfahrenen Referendarin an Gerichtsfällen arbeitete, die für die Anfängerin das Training vieler Perspektiven erforderte, was längere Besprechungen notwendig machte, die ihn einmal in der Woche um das gemeinsame Familienabendbrot bringen würden. Die arglose Lydia stimmte ohne Zögern zu.

Er staunte, wie leicht es ihm fiel, ohne Anstrengung und eisern bei seinem Grundsatz zu bleiben, sich erst dann wieder Judith körperlich zu nähern, wenn er es nicht mehr aushielt und wenn sie in ihrem Verhalten einen ähnlichen Eindruck auf ihn machte. Es vergingen Wochen bis er einen ersten Schritt zu tun Lust verspürte. Es war inzwischen Herbst geworden, man trug wieder Mäntel und er nutzte das An- und Ausziehen vor oder nach einer Verhandlung, um kleine Zusammenstöße zu provozieren, was durch Judiths ungeschickte Art, mit ihren Armen großräumig auszuholen und herumzufuchteln, nicht allzu schwer war. Irgendwann spürte sie, dass es irgendwie besondere Momente waren.
„Komisch, dass ich dir immer fast einen Kinnhaken verpasse, wenn ich mir den Mantel anziehe.“ 
Er schwieg und schaute sie lange an.
„Ist das etwa Absicht, dass du mir nicht in den Mantel hilfst?“
Er schwieg wieder und lächelte. Und sie schien zu verstehen.
Er bemerkte wie bei ihr diese gewisse Aufregung zurückkehrte, wenn es darum ging, den Mantel aus- oder anzuziehen und er ganz in ihrer Nähe stand. 
Doch er achtete von nun an peinlich darauf, ihr in den Mantel zu helfen und keinen dieser waghalsigen Zusammenstöße mehr zu provozieren. 

Er wartete und lauerte wie ein Jäger auf sein Wild, wartete auf die nächste Gelegenheit. Die Gelegenheit bot sich als sie ihm eine dienstliche Mail weiterleitete, auf die er gewöhnlich mit einem Kommentar antwortete, sie saßen sich im Büro mittlerweile gegenüber. 
„Kannst du mal von deinem Monitor aufschauen?“ schrieb er als Kommentar zurück.
Und als sie aufschaute schrieb er.
„Wir haben nie darüber gesprochen.“ 
Wenig später hatte er ihre Antwort im Postfach. 
„Das ist eine glatte Lüge!“ 
Und kurz danach legte sie noch einen drauf.
„Wir sprechen die ganze Zeit darüber!“ 
„Tun wir das?“ schrieb er zurück.
„Geht mir immer noch sehr gut, darauf zu verzichten.“ schrieb sie zurück. 
Er freute sich, sie hatte angebissen. 
Am nächsten Tag schrieb zurück.
„Krieg ich auch hin. Obwohl es fängt an, mich anzustrengen.“ Und sie gestand, wieder einen Tag später: 
„Mich auch.“

Er jubelte innerlich. Die Mails entlasteten sie davon, darüber sprechen zu müssen, was ihnen passiert war und zugleich bestätigten sie sich sehr vorsichtig und zurückhaltend ihre Lust und Zuneigung füreinander. Nicht der schlechteste Einfall, dachte er. Aber was wollte er eigentlich tun, wenn sie nachgab? Mit ihr schlafen? Wollte er das? Sollte es darum gehen? Wirklich? 
Und was wollte Judith? Er spürte keine Ambitionen, es herauszufinden. Sie würde es ihm schon mitteilen. 

Lydia profitierte von der erotischen Spannung im Büro. Er schlief oft mit ihr. Einmal, mitten im Akt, Lydia schwere Brüste wankten wie mächtige Pendel über ihm, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, was er zu tun hatte. Er wartete darauf, dass Lydias Keuchen die Tonhöhe wechselte, was sie immer tat, wenn sie sich ihrem Höhepunkt näherte und ihr Kopf neben ihm im Kissen versinken würde, kurz vor ihrem erlösenden Krampf, doch sie tat es diesmal nicht. Stattdessen richtete sie sich auf, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und bat ihn, die Augen zu öffnen. 
„Schau mich an!“
Er sah in ihre fast flehenden Augen, als würden sie betteln von ihrer diesmal ungewöhnlich heftigen Lust endlich befreit zu werden. 
„Schau mich an!“
Irgendetwas war anders als sonst. Sie zerrte knurrend an seinen Ohren, fast ein wenig wütend darüber, soviel Lust zu empfinden. Und dann begriff er.
Marie war weg, Judith ihm in die Arme gelaufen, er hatte von seiner Tochter erfahren und nun lag er unter dieser herrlichen, lustvollen Frau. Und er begriff: Es ging ihm immer nur darum, intensive Beziehungen mit Frauen zu führen, dicht am Rand zum Sex, ob er nun geschehe oder nicht, alles andere interessierte ihn nicht. So, genau so war er nun mal. Mit wieviel Frauen, fragte er sich, könnte man eine solche Art von Beziehungen gleichzeitig führen? Intim und doch nicht intim. Erotisch aufgeladen und zugleich frei vom Sex, der geschehe, wann er wolle, aber nie angestrebt ist. Der kommt und geht, wie es eben geschehe.
Als Lydia kam und ihr Höhepunkt in kleinen Wellen immer wieder zurückkehrte, fiel es ihr schwer aufrecht auf ihm sitzen zu bleiben. Es strengte sie an, die Augen offen zu lassen und den Blick nicht von ihm abzuwenden. Staunend schaute er in ihre aufgerissenen Augen, etwas Irres lag darin, und er spürte wie ein Stoß unendlicher Zärtlichkeit in ihm aufstieg und herausplatzte als wäre das Staunen ein Ei, das nicht wusste, was in ihm ausgebrütet wurde.

Und dann kam er und floss einfach nur aus. Er hatte seine Stimme nicht mehr im Griff, sie klang wie ein Grunzen.

Er empfand zum ersten Mal keinen Hauch von schlechtem Gewissen als Lydia erschöpft zu ihm heruntersank, er mit seinen Armen ihren vertrauten Rücken einschloss, ihrem behaglichen Schnurren lauschte und dabei an seinen Eroberungsfeldzug dachte.
Lydia erhob sich schließlich, entließ ihn schmatzend aus ihrem Unterleib, kicherte dabei und trat ins angrenzende Bad, kam mit einem Tuch zurück, das sie sich zwischen die Schenkel klemmte und schlüpfte wieder zum ihm ins Bett.
Würde er das Unberechenbare im Zaum halten, das aus dieser sich anbahnenden, neuen Affäre mit Judith entspringen könnte? Und was würde das sein, das Unberechenbare? Dass er oder Judith den Anspruch erhob, miteinander „fest“ zusammen sein zu wollen? Ein heimliches Paar? Trotz des Altersunterschiedes? Trotz dessen, dass er mit Lydia verheiratet war? Würde er es nicht mit jeder anderen Frau, der er nahekam, sein wollen? Ein heimliches Paar? Ihm schien plötzlich, als könnte er sich ein Leben jenseits dieses ständigen erotischen Knisterns gar nicht mehr vorstellen. Wie lange würde die Energie für so ein Leben reichen? Wann würde ihm so ein Leben um die Ohren fliegen?
Lydia schlief auf seiner Brust ein. Es schnarrte bei jedem ihrer Ausatmer. 

Und Marie? Was genau hatte er eigentlich mit Marie die ganzen Jahre gehabt, getan, veranstaltet? Und warum war sie verschwunden? Hatte er Anteil an ihrem Verschwinden? Wo war sie jetzt? Was hatte sie vor? Eigenartig, dachte er, dass ihm ohne eigenes Zutun und ohne große Mühe mit Judith Ersatz für Marie in den Schoß gefallen war. Ein merkwürdiges Geschenk, eine süße Veränderung, die ihn sein Leben fortführen ließ, ohne sich verändern zu müssen.

Und Antonia? Selbst seine erstaunlich körperlich ausgereifte Tochter änderte nichts daran. Dass er mit ihrer überraschenden Bekanntschaft unvorhergesehen Vater geworden war, änderte nichts in seinem Leben. Was auch? Antonia trat ja selbst gerade in einen neuen Lebensabschnitt ein, der wie eine Turborutsche auf sie wartete. Hinter ihr eine Schlange drängelnder erlebnishungriger Leute, die sich ab in den Rausch stürzen wollten! 

Mitten in einer Verhandlung zur Familiensache kam er dann doch, dieser unberechenbare Lustimpuls auf Judith. Sie stritt gerade scharf und zugleich lächelnd mit dem pausbäckigen Anwalt der Mutter, der rote Flecken im Gesicht bekam. Neben ihm saßen Judith und die Vertreterin des Jugendamtes, rechts und links von ihnen die Eltern mit ihren Anwälten. Er schaute auf Judiths lange schlanke Arme, die, untypisch für sie, wie auf die große Tischplatte genagelt schienen, an deren gegenüberliegenden Ende der Richter mit belustigter Miene zuhörte. Judith sprach mit gefalteten Händen, ihre Stimme hatte etwas surrendes und ihre Sätze hüpften wie kleine Teufelchen aus Ihrem Mund, verteilten sich auf dem großen blanken Tisch und veranstalteten einen eleganten, giftigen Tanz. Und plötzlich verspürte er wie schon beim Sex mit Lydia, diesen heftigen Stoß von Zärtlichkeit, der in ihm aufstieg und der diesmal Judith galt und sich in Lust verwandelte. Nein, nicht dieser ordinäre lüsterne Druck nach Sex, weil sich die Hoden über die Tage der Abstinenz, die er mit Lydia gar nicht kannte, mit Nachschub prall gefüllt hatten, sondern eine Lust, die aus der plötzlichen Zärtlichkeit kam, Judith anzufassen, sie zu küssen, ihr freches, saukluges Mäulchen mit seinen Lippen auszubremsen. 
Judith beendete ihre beißende Argumentation. Der Richter, die Vertreterin des Jugendamtes und die Anwältin des Mannes nickten beifällig. 
Er nickte ihr fröhlich zu und flüsterte ihr zu.
„Gut gemacht. Verdammt gut.“ 
Sie kritzelte etwas in ihr Notizbuch und schob es zu ihm, so dass er den Satz erkennen konnte.
„Jetzt möchte wieder mit dir schlafen.“
„Ich auch.“ schrieb er zurück.
„Ich habe eine unglaubliche Erektion.“
Er hatte sie wirklich.