Marie: Ausweglos (11)

Gier

Als sie eng umschlungen im Bett von Maries Wohnung endlich zur Ruhe kamen und sie sich über ihr Seufzen amüsierten, das ihnen beiden immer wieder entfuhr, jeder erlöst und entspannt an die Haut des andern geschmiegt, fragte Judith ihn über Marie aus. Wie ein kleine Gewitter prasselten ihre Fragen auf ihn nieder.
„Seit wann kennt ihr euch?“
„Wie lange war sie deine Geliebte?“
„Warum ist sie fort?“ 
„Habt ihr noch Kontakt?“
„Wie war es mit ihr?“ 
Judiths unersättliche Neugier hatte etwas Bedrängendes. Ihre Fragen wirkten wie ein Stau, der eher Druck ablassen und gar nicht beantwortet werden wollte. 
„Womit hat Marie ihr Geld verdient?“
„Leben ihre Eltern noch?“
„Hat sie Geschwister?“ 
Er suchte in seiner tiefsten Stimmlage nach Sicherheit, sein Brustkorb vibrierte beim Sprechen so sehr, dass es Judith im Gesicht kitzelte. Sie stand schließlich auf, sie konnten ja nicht ewig so ineinander verschränkt liegenbleiben, streifte nackt durch die Wohnung, ihre Fragen nahmen kein Ende. 
„Hat sie Kinder?“
„Kennst du das Kind?“
„Wo ist sie jetzt?“
„Warum weißt du das nicht?“ 
Schließlich verschwand sie in der Dusche, kam nach fünf Minuten wieder heraus, ließ sich nackt von der Luft resttrocknen und fragte weiter.
„Hat sie gar nichts mitgenommen?“
„Irgendwas muss sie doch mitgenommen haben?“
„Bist du nicht beunruhigt?“
Natürlich war ihm aufgefallen, dass Marie nichts mitgenommen hatte. Nichts, was ihm ins Auge fiel, nichts, was auf einen ernstzunehmenden Umzug und schon gar nicht auf einen Auszug hindeutete. Er fragte sich das selbst, ob und was das zu bedeuten hatte.

Judith machte Kaffee und hockte sich, immer noch nackt, mit einer dampfenden Tasse vor die Bücherstapel auf dem Fußboden. Er schwang sich aus dem Bett, ging auch duschen, blieb ebenfalls nackt als er zurückkam, Judith blätterte neugierig in einem Buch, das sie aus einem der Türme herausgezogen hatte.
„Las sie gern im Liegen?“
„Ja, entweder hier im Bett oder drüben auf dem Sofa.“
Sie legte das Buch zurück auf den Stapel, der wie ein krummgebogener Schieferfels an der Wand lehnte und zeigte auf das Büchergebirge um sich.
„Hier die alten Griechen. Da die Deutschen. Die Franzosen. Die Engländer. Die Russen. Die Amerikaner. Die Skandinavier. Die Lateinamerikaner. Die Asiaten.“ 
Er schüttelte verblüfft den Kopf, sie hatte sich alles genau angeschaut.
„Ist mir nie aufgefallen, dass diese Türmchen ein System haben. Und die Türme drüben. In ihrem Wohnzimmer?“
Auch da hatte Judith bereits herumgestöbert.
„Philosophie. Kunstgeschichte. Politik. Soziologie. Naturwissenschaften. Medizin. Lexika.“ 
„Donnerwetter.“
Sie zeigte auf das Bett. 
„Hier also die schöne Literatur. Und drüben auf dem Sofa die Wissenschaft.“
Er schmunzelte über Judiths Unterscheidung und musterte ihren jungen, so verdammt schlanken, wenig verlebten Körper mit den kleinen festen Brüsten, um die sie ihre Arme verschränkte als wollte sie sie vor seiner Beurteilung schützen.
„Wie war denn der Sex mit ihr auf dem Sofa?“
Er stand neben ihr, sie tippte an seinen Penis, der wie dein Pendel schaukelte und lachte auf.
„Wissenschaftlich,“ knurrte er.
„Ist der Sex das nicht immer?“
Er beugte sich herunter, küsste ihren Hals und sog den feinen Duft ein. 
„Wissenschaftlich?“
Sie kicherte leise.
„Penetration. Friktion. Ejakulation.“
„Genauso.“
Der Schieferfels verlor die Balance und kippte um. Judith lachte auf und stapelte die Bücher neu übereinander. 
Er erinnerte sich an Maries Angewohnheit parallel zehn Bücher zu lesen. Es dauerte manchmal Monate, ehe sie mit einem Buch durch war. Oft stand sie auf, wenn sie im Bett oder auf dem Sofa lagen, holte eines der Bücher und las ihm daraus vor. Worterklärungen von Begriffen, die sie faszinierten. Anekdoten. Gedichte. Manchmal, wenn sie so umschlungen da lagen und sie ihm vorlas, griff sie nach seinem halb erigierten Schwanz, steckte ihn in sich hinein und las einfach weiter vor. Nur sie las, er nie. Oft kam es ihm so vor als schien manche Wörter regelrecht zu lieben und zu kosen, als kaute sie die Worte im Gaumen, bevor sie sie herausließ. Er lauschte in diesen Momenten um so faszinierter, denn er spürte ihre Sprechbewegungen sehr genau an seinem Penis. Wie eine Antenne Funksignale empfing, so empfing er die Wörter. Und manchmal antworte er mit seiner Antenne zurück. Vielleicht sei er deshalb ein so guter Zuhörer, spottete Marie einmal, weil sie ihn fürs Zuhören damit belohnte, in ihr zu sein. Klar genoss sie es selbst auch, es kam ja oft genug vor, dass ihr das Buch aus der Hand glitt, weil sie verführt war wieder mit ihm zu schlafen, so geduldig wie er in ihr ausharrte, ohne dass seine Erektion ernsthaft schwächelte. Geduldig wie ein Jäger lauerte er genau auf diesen Punkt, an dem ihr Leseeifer der Erregung wich. Hörst du mir eigentlich zu, prüfte Marie ihn hin und wieder. Natürlich tat er das, er stellte sogar kluge Zwischenfragen, machte noch klügere Anmerkungen, doch stets mit dem Ziel ihre Erregung da abzupassen, wo Sex draus werden würde.   
Judith glitt mit den Fingern treppauf und treppab die Buchrücken des neu errichteten Schieferfels entlang. Er legte sich auf das Bett, stützte den Kopf in die Hand und vertiefte sich in Judiths vasenförmigen Rückansicht, ihren schlanken Schwanenhals und spürte wie die Lust zurückkam.
„Marie war unglaublich gierig, sie wollte alles zugleich.“
„Wie meinst du das?“
Judith drehte sich ihm zu.
„Lernen und ficken. Denken und fühlen. Kontrolliert und hemmungslos. Alles zugleich. Süchtig und dabei stocknüchtern. … So als wäre das alles nicht zu trennen.“ 
„Mhm.“ 
Sie legte das Kinn auf die Bettkante. Ihre schmalen Schultern brachten ihn fast zum Schmelzen.
„Streng genommen erinnert sie mich sogar an eine Sammlerin, eine die… Eindrücke sammelte und… Wissen. Wie ein Junkie, wie ein Schwamm.“
Sie bemerkte seinen Blick, der sie las wie eine Museumsplastik.
„Bist du’s auch?“
„Was?“
„Ein Sammelstück ihrer Gier?“
„Vielleicht. Aber was soll’s. Ich wurde begehrt. Was gibt es Schöneres für einen Mann?
„Ja, du bist einer dieser typischen, eitlen älteren Herren.“
„O ja. Und mit erstaunlich dicken, alten Eiern.“ 
Sie lachte.
„Wir waren halt beide sehr gierig. Aufeinander.“
„Du sprichst in der Vergangenheit?“
„Hm.“
„Wie sehr… gierig?
Er schaute Judith in die Augen und bemerkte verwundert, dass in ihrem Blick kein Schimmer von Eifersucht, sondern nur reine Neugier lag.
„Wie gierig?“
Er wusste es selbst nicht. Er hatte nie darüber nachgedacht. Sie waren es einfach.
„Okay. Mehr musst du nicht wissen.“
„Warum nicht?“

Das war so ein Moment, da er mit einer Antwort auf ihre Frage hätte weitergehen können, um mehr zu erfahren. Über das, was das mit Marie wirklich war, bevor sie verschwand. Über das, was er bei ihr suchte. Über das, was Marie bei ihm suchte. Und vielleicht sogar über das, was er jetzt bei Judith suchte. Aber er wollte es nicht wissen, weder das eine noch das andere. Er schloss die Augen und ließ den Moment verstreichen. 
„Hatte Marie noch andere Männer neben dir?“
„Du meinst andere solch prächtige Sammelstücke wie mich?“
Sie kicherte.
„Vielleicht. Aber…“
Er dachte nach.
„Aber?“
„Genau genommen…“
Er war irgendeinem Gedanken auf der Spur, den er nicht greifen konnte und schwieg mit geschlossenen Augen.
Judith schien zu spüren, dass ihn etwas beschäftigte.
„Genau genommen?“ 
„Ich glaube, sie war vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ein Wunder, dass sie überhaupt Platz für mich hatte.“
Er öffnete die Augen. Judith schaute ihn an wie man jemanden anschaut, bei den man bemerkt, dass er was verstehen könnte, was er zuvor nicht wusste.
„Weißt du, Marie bemühte sich eigentlich nicht besonders um andere Menschen.“
„War sie unsozial?
„Nein. Gar nicht.“
„Etwas träge?“
„Nein. Sie jagte nicht nach uns… Männern. Sagen wir es so.“
„Jagen? So wie du die Frauen?“
Er ging darauf nicht ein, obwohl es stimmte.
„Ich glaube nicht, dass Sie unter sexuellem Überdruck litt.“
„So wie du?“
„Mache ich auf dich diesen Eindruck?“
Diesmal ging sie nicht darauf ein.
„Sie war also nicht… nymphoman?“
„Nein.“
„Egoistisch?“
Nein.“
„Narzisstisch?“
„Quatsch.“
„Was dann? Hast du denn keine Schublade für sie?“
„Was soll das heißen?“
Er sah in ihre unverschämt spöttischen Augen.
„Sie hat mal gesagt, dass sie nicht beziehungsfähig ist. Und dass Empathie viel zu sehr überschätzt wird.“
„War sie gern allein?“
„Irgendwie schon.“
„Und ihr Kind?“
Er wedelte mit der Hand durch die Luft. 
„Ich habe keine Ahnung, warum sie nicht mit ihrer Tochter zusammenlebte.“
„War sie dir verfallen?“
Er lachte. Der Gedanke schmeichelte und befremdete ihn zugleich. 
„Marie mir? Überhaupt… mir jemand… verfallen? An so was glaube ich nicht. Nicht die Bohne.“
„Echt nicht?“ 
Es war Neugier, die er in ihren Augen sah. Nichts anderes. Der Spott war fort.
„Naja, ausschließen kann ich es nicht.“
„Dass sie dir verfallen war?“
Er nickte und wusste, dass sein Lächeln gerade sehr unverschämt wirkte.
„Hätte es dich gestört?“
„Wieso? Es ist ihre Möse. Sie kann damit machen was sie will.“
Judiths Augen verengten sich, sie sah ihn empört an, mit einem dieser langen, stummen Blicke, mit denen sie ihn vor Wochen irritiert hatte und die nun seltener geworden waren.
„Mein Gott… Was war das denn jetzt? So abgeklärt.“
„Ich weiß.“
„Würde dir diese Art von Treue nicht schmeicheln?“
„Treue ist mir so gleichgültig wie die Untreue.“
„Würde es dich nicht kränken, wenn sie noch andere Männer neben dir gehabt hätte?“
„Nein. Ich kann keine Treue von einer Geliebten verlangen, wenn ich’s nicht mal gegenüber meiner eigenen Frau bin.“
„Wolltest du eigentlich mehr von Marie?“
„Mehr? Was hätte das sein sollen?“
„Du weißt, was ich meine.“
„Weiß ich nicht. Es lief gut mit Lydia. Und wir hatten ja schon unsere Jungs.“
„Klingt irgendwie… pragmatisch. Und kalt.“
„He! So sind wir Menschen.“
„So bist du.“
„So bin ich?“
„Und wie sind wir Menschen, deiner Meinung nach?“
„Pragmatisch. Berechnend. Oberflächlich. In dieser… psychotherapeutischen Tiefe hält es auf Dauer keiner aus.“
Judith schaute ihn lange an.
„Wir auch nicht?“ 
„Wir auch nicht. Warum, fragst du das?“
„Psychotherapeutische Tiefe… so was ähnliches hast du schon mal zu mir gesagt. Als wir das erste Mal im Café waren. Erinnerst du dich?“
Er drehte sich auf den Rücken. 
„Nein. Warum fragst du mich das alles? Warum fragst du überhaupt soviel?“
„Wir sind Anwälte.“
Er musste lachen.
„Was soll das heißen?“
„Wir kalkulieren unsere Gewinnchancen.“
Judith legte ihre Hand auf seinen noch erstaunlich flachen Bauch.
„Willst du mit mir eine Affäre anfangen?“
„Nein!“
Sie schauten sich lange an. Er nackt auf dem Bett und sie nackt vor dem Bett hockend zwischen diesen halbhohen Büchertürmen, die sie umringten wie ein religiöses Stelenfeld.
„Anwälte suchen nach Haaren in der Suppe und spalten sie solange in feine Unterschiede, bis wir unseren Feind mit unseren Argumenten schälen können. Bis auf die Haut.
„Bohh!“ Sie überraschte ihn, dieses junge Ding.
„Bis wir selbst glauben, was wir da reden.“ 
„Bin ich denn dein Feind?“
„Ich weiß noch nicht.“
Sie kicherte plötzlich, zog die Hand von seinem Bauch zurück, griff nach der Bettdecke und ging nackt rüber ins Wohnzimmer. Er fror und folgte ihr, sie legte sich auf das Sofa, strampelte mit ihren langen schlanken Beinen die Decke zurecht, so dass sie ganz das Sofa bedeckte. Nur noch ihr freches Lächeln hüpfte über eines der Zipfel heraus.
„Ganz schön eng für wissenschaftlichen Sex.“
Er stieg zu ihr unter die Decke, seufzte genüsslich, als sie ihre Beine um seine Körper herum sortierte. Sie machte es ihm leicht, in sie einzudringen und hielt ihn ungewöhnlich fest, damit er sich nicht bewegte.

Als sie wieder wach wurden, beruhigte er Judith, bevor sie wieder mit ihren besorgten Fragen zu Marie beginnen würde. Marie habe ihm einen Brief geschrieben, erzählte er, keinen dieser typischen Abschiedsbriefe, wie ihn Menschen schrieben, die sich umbringen wollten. Auch keinen Brief einer Todkranken, die ihre letzten Wochen irgendwo ungestört verbringen wollte. Das alles nicht. 
„Und wo ist sie jetzt?“
„Keine Ahnung.“
„Vielleicht ist sie bei ihrem Kind, draußen auf dem Land? Warst du dort?“
So kalkuliert, wie sie sonst fragte und antwortete, ein geschliffenes Argument nach der anderen vortragend und dabei fast wie eine unheimliche Rechenmaschine algorithmisch klappernd, so ungestüm begann sie wieder drauf los zu fragen. Es erstaunte ihn. Er ließ auch diese Fragenwolke über sich abregnen und verschwieg, dass er bereits auf dem Land bei Maries Kind gewesen war, sie dort nicht angetroffen hatte, aber stattdessen ihre Tochter, die nun auch noch obendrein seine eigene war. Er verschwieg das alles. Sie setzte sich schließlich schnaufend auf ihn, ohne dass sie ihn herausließ, strich ihm das Haar aus der Stirn und ihre kleinen Brüste hüpfen vor Aufgeregtheit. O wie vernarrt er in diesen Körper war!
„Irgendjemand muss doch wissen wo sie steckt?“
„Wo kannst du noch nachfragen?“
Judith seufzte leise auf. Sie wieder da, die Lust.
Verdammt, was machte ihn bloß so maßlos und ließ ihn, kaum dass Marie verschwunden war, gleich in die nächste Affäre mit dieser wunderschönen 25-jährigen rennen? Woher kam diese ungeheuerliche Abgebrühtheit gegenüber der Neuigkeit, eine fast erwachsene Tochter mit Marie zu haben? Ein Fakt, über den er hinwegging wie der tägliche Wetterbericht. Sollte er nicht reumütig mit seiner Frau sprechen und sein Leben endlich in Ordnung bringen, anstatt hier hemmungslos herum zu vögeln? Was war nur los mit ihm? Sie sank zu ihn hinab und er legte seine Hände um ihre Taille. Was für eine hinreißende Taille dachte er noch und dann…

„Magst du mir ihren Brief zeigen?“
Diesmal beließ Judith es bei dieser einen Frage, so dass er sich keine auswählen konnte, welche er beantworten wollte und welche nicht. 
„Magst du mir Ihren Brief zeigen?“
Sie meinte es ernst.
„Vielleicht später mal. Können wir jetzt Marie bitte weglassen und… weitermachen…“
„Hast du ein Foto von ihr?“
„Eh!“
„Komm schon.“
Sie legte sich auf die Seite, er glitt heraus und protestierte seufzend.
„Foto!“
Stöhnend stand er auf, zog instinktiv seinen feuchten, steifen Schwanz gerade, tappte zum Schreibtisch, zog die Schublade auf, die vollgestopft mit Fotos war und kramte darin herum. Einen Moment zu lange, denn ehe er sich‘s versah, setzte sich Judith mit ihrem entzückenden Hinterteil mitten auf den Zettelhaufen, der die Schreibtischplatte bedeckten wie einen Herbstwald. Sie ließ die Beine herunter baumeln und strahlte ihn an.
„Zeig.“
Er reichte ihr ein Foto von Marie und fragte sich, ob Judith eigentlich einen Freund hatte. Sie hatte bislang keinen erwähnt und er hatte auch nicht danach gefragt. Natürlich ist so eine Frau wie Judith nicht allein, dachte er. Und wenn, dann stünden die Männer bei ihr sofort Schlange. Stand er, der jetzt den Vorzug bekam mit ihr zu schlafen, auch in dieser Schlange? War sie frei? Unbesetzt, ungebunden, verfügbar? Verdammt, dachte er grimmig, was für eine Einteilung, wenn wir Kerle attraktiven Frauen begegneten!
„Interessantes Gesicht.“
„Ja.“
„Schöne Augen. Eigenartig undurchdringlich.“ 
„Findest du?“
Judith vertiefte sich in das Gesicht von Marie. 
„Geradezu blank, die Augen. Rätselhaft.“
Ja, Maries Augen waren auch für ihn ein rätselhaftes Wunder. Tiefbraune fast flächige Knöpfe. Wie oft hatte er ungläubig in sie hineingeschaut und dabei nie das Gefühl bekommen, in sie zu schauen, sondern nur aufsie. So sehr er sich auch mit seinem Blick in Maries Augen hineinbohren wollte, immer er glitt an diesen Knöpfen ab wie an zwei undurchdringlichen Schilden, als wären sie eine Abwehrwaffe im Nahkampf. Andererseits hatte er den Eindruck als schauten ihn Maries Augen an wie zwei Lampen, die ihn ausleuchteten und egal, wann er zu ihr schaute, ihr Blick lag schon auf ihm. Oder täuschte das nur, weil die schwarzen Pupillen sich von der tiefen Bräune ihrer Iris so schwer absetzten und sie ihm deshalb wie einfarbige blanke Knöpfe vorkamen?
Judith stieg vom Tisch herunter, an ihrem Po blieben ein Zettel kleben. Sie pflückte ihn mit der freien Hand ab und überflog ihn.
„Was wäre eigentlich, wenn du bloß ein geheimer Geliebter für sie warst? Und sie hätte in einer anderen Stadt eine eigene Familie?“
„Wow.“
Er glaubte es besser zu wissen, sagte aber nichts weiter.
„Solche Männer gibt es. Und du bist ja selbst kurz davor, so ein Mann zu sein.“
„Wie meinst du das?“
„Warum soll es nicht auch solche Frauen geben?“
„Das bezweifle ich nicht. Nein, ich meine… wieso sollte ich selbst kurz davorstehen, solch ein Mann zu sein?“
Sie reichte ihm die Zettel, er warf ebenfalls einen Blick darauf. 
Irgendeine philosophische Spitzfindigkeit.
„Ach, du mein bigotter Liebhaber…“
Er wusste, was sie meinte. Natürlich.
„Das bigott lassen wir jetzt weg. Bin ich dein Liebhaber?“
„Jetzt nach diesem zweiten Date, würde ich sagen…“
Sie sprach nicht weiter, er lauerte gespannt.
„Ja?“
„Ja.“
„Upps! Damit hätte ich echt nicht gerechnet.“
„Lügner. Es würde mir schwerfallen, auf solche… vitalen Fähigkeiten… zu verzichten.“
„Eure Generation macht mir echt Angst. Aber cool. Ich bin geschmeichelt. Mir würde der Mittwoch immer passen.“
„Schuft.“
Sie gab ihm das Foto zurück.
Das Foto war ungefähr fünf Jahre alt. Er hatte es auf einen ihrer seltenen gemeinsamen Ausflüge gemacht. Irgendein Baggersee, an dem man unbeobachtet baden gehen konnte. Nur ausnahmsweise hatte Marie ihm den Fotoapparat überlassen. 
„Sag mal, hast du eigentlich einen Freund?“
„Das weißt du nicht?“
„Entschuldige, dass ich dich das nie gefragt habe. Hast du?“
„Was denkst du?“
„Einerseits ja. So eine Frau wie du… die ist nicht allein. Andererseits…“
„Andererseits?“
„Also ja. Ich denke du hast einen Freund.“
„Stimmt.“
Es versetzte ihm einen Stich und doch war er erleichtert. Wenn das stimmte, würde sie dieselben Schwierigkeiten haben wie er, eine ernsthafte Affäre zu führen. Schwierigkeiten?
Er stutzte. Bei Marie wäre ihm das nie eingefallen. 

Judith war zur Tür gegangen er spürte, wie sie ihn, der nackt an Maries Schreibtisch saß, betrachtete.
„Also haben wir jetzt nicht dieses typische Ding zu laufen?“
Er ging zu ihr an die Tür, sie schlang ihre Arme um seinen Hals.
„Welches typische Ding?“
„Verheirateter Mann und junge schmachtende Studentin.“
„Du bist respektlos“
„Ich bin ehrlich.“
Sie griff nach seinem Schwanz.
„Nein. Du kokettierst nur mit deiner Ehrlichkeit.“
Mit der anderen Hand griff sie nach seiner Hand klemmte sie zwischen ihre Oberschenkel. Er ließ glücklich seinen Kopf auf ihre Schulter sinken.