Marie: Ausweglos (6)

Die Vollmacht 

Ein paar Tage nach der aufwühlenden Nacht mit Judith, bekam er einen Brief von Marie, in dem sie ihn bat, ihre Wohnung aufzulösen. 
Eine Vollmacht und weitere Anweisungen fände er in der Wohnung auf dem Sekretär im Flur, schrieb sie in ihrem knappen Brief, der ihm keinerlei Hinweis gab, wo sie sich gerade aufhielt.

Die ersten Wochen unmittelbar nach Maries Verschwinden, das nun schon fast vier Monate zurück lag, war er aus alter Gewohnheit weiterhin mittwochs zu ihrem Haus gegangen. Er wollte nicht glauben, dass sie wirklich weg war. Und da er ja einen Schlüssel besaß, ging er hinein, stieg, wenn er Post in ihrem zerbeulten Briefkasten fand, hoch in die fünfte Etage, schloss ihre Wohnung auf, lüftete, pflegte die kleine Blumentopfsammlung, räumte etwas auf, putzte solange ihm diese kleine Ablenkung gefiel und saß schließlich auf dem Sofa zwischen ihren Büchern und vollgekritzelten Heften und blätterte stumpf darin herum. 
Zuerst befiel ihn die Angst, dass sie sich etwas angetan haben könnte. Doch er glaubte es nicht wirklich. Wer weiß, vielleicht geht es ihr gut, machte er sich Mut, sie verprasst irgendwo ihre Spareinlagen oder Geld, das sie den Leuten mit einer der Betrugsnummern abgenommen hatte, in die er sie eingewiesen hatte. Oder, vielleicht hat sie das wirklich durchgezogen, war geschnappt worden und saß irgendwo ein. 
Einige Mittwoche später wich die Beunruhigung, denn er war mit Judith beschäftigt. 

Am Mittwoch nachdem er Maries Brief auf seinem Bürotisch fand, ging er nicht nach Hause, sondern wieder in ihre Wohnung.
Tatsächlich lagen zwei weitere Briefe von Marie auf dem alten Sekretär im Flur. Sie musste also in kurz zurückgekehrt und wieder abgereist sein. In einem Brief steckte die Vollmacht zur Wohnungsauflösung sowie ein paar nett gemeinte Hinweise, die er bitte beachten möge. Langsam dämmerte ihm, wie ernst sie es meinte mit ihrem Vorhaben abzutauchen. Was ihre zurückgebliebenen Sachen, Büchern und Möbeln betraf, so könne er damit verfahren wie er wolle, schrieb sie, sie lege keinen Wert mehr darauf. Sie hinterließ ihm die Adresse ihres Kindes, wenn er möge, könne er gern mit dem Vater des Jungen klären, was mit all dem Kram geschehe; aufteilen, wegschmeißen, was auch immer. 
Marie hatte aus dem Kind und ihrem Vater nie eine große Sache gemacht, es nur selten von sich aus erwähnt, eigentlich nur, wenn er darauf zu sprechen kam und sie fragte. Er wusste, dass es ein Junge war, dass er Anton hieß und mittlerweile mindestens siebzehn Jahre alt sein musste, so alt wie Julian, schätzte er. Marie hatte erwähnt, dass er bei seinem Vater und dessen Eltern lebte, irgendwo in einem Dorf an der Vorpommerschen Küste. Er wusste auch, dass sie Unterhalt für ihn zahlte, ihn sogar regelmäßig besuchte und auch einen Teil der Ferien mit ihm verbrachte. Doch hatte er nie ein Foto von ihm in ihrer Wohnung gesehen, auch schien Anton sie nie in ihrer Wohnung besucht zu haben, jedenfalls erwähnte sie nie, dass er in der Stadt gewesen sei.

Der zweite Brief auf dem alten Sekretär mutete sehr merkwürdig an, eine Art Pamphlet, der erklären wollte, warum sie einen so radikalen Bruch mit ihrem Leben wollte. Er überflog den sehr philosophisch-literarisch anmutenden Text, spürte aber einen Unwillen sich darin zu vertiefen und sich darüber den Kopf zu zerbrechen. (Und so soll dieser Brief hier auch erst an späterer, passenderer Stelle genauer Erwähnung finden.)
Bronkos Unwillen erklärte sich ganz einfach. Er selbst hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, Menschen auf tiefgründige Weise verstehen zu wollen und sich über sie große Gedanken zu machen, wenn er sie nicht sofort und instinktiv einer Schublade zuzuordnen verstand, von denen es, so glaubte er, ohnehin nicht allzu viele gab. Vielleicht sieben bis zehn exemplarische Charakter-Schubladen, mehr bot der Mensch nicht, war er überzeugt. Natürlich in millionenfachen Spielvarianten, die aber leicht zu durchschauen waren, hatte er erst einmal den Charakterschlüssel, das Grundsätzliche der Person geknackt. Die präziseren Züge interessierten ihn dann nicht mehr. Und wenn ihn doch etwas irritierte, dachte er es sich passend für die jeweils gewählte Schublade.
Genau so erging es ihm nun mit Maries Brief. Nach dem ersten flüchtigen Durchlesen brachte er kein tieferes Interesse mehr auf, obwohl oder weil sie seine langjährige Geliebte war. Sie war jetzt seit vier Monaten weg und damit genug.

Er legte sich aufs Bett, ließ sich die Nacht mit Judith nochmals durch den Kopf gehen, bekam heftige Lust mit Judith zu schlafen. Doch plötzlich klang diese Lust ab und ihn überraschte eine dumpfe, unbegreifliche Sehnsucht nach Marie. Ihm wurde flau im Magen, er stand auf, trank in der Küche ein Glas Wasser.
Für einen Moment spielte er den Gedanken durch, ob er die Wohnung einfach nicht auflöste und sie stattdessen selbst übernehme. Die Zahlung für die Miete ließe sich leicht einfädeln, Geld hatte er ausreichend, und dem Vermieter könnte er sogar wahrheitsgemäß erklären, was ihn davon abhielte die Wohnung nicht wie von Marie gewünscht aufzulösen, sondern sie noch einige Zeit vorzuhalten, bis sich endgültig aufklärte, was mit Marie los war. 
Und wer weiß, angenommen Judith käme auf den Geschmack mit ihm weiterzumachen, so hätte er gleich ein sicheres Liebesnest zur Hand, dass er mit ihr nutzen könnte. Der Gedanke gefiel ihm sehr, zumal er die Wohnung auch für sich allein nutzen könnte. Er schweifte durch die Wohnung spielte den Gedanken durch, er ging sogar soweit, schon an einige Veränderungen und Neuanschaffungen zu denken, schüttelte überrascht den Kopf, füllte das Glas mit Wasser nach, kehrte zum Bett zurück und schlief darauf ein.
Gegen neun erwachte er, steckte die Vollmacht mit Maries Hinweisen in die Manteltasche, ließ ihr Pamphlet liegen, schloss die Wohnung ab, schlenderte in die Richtung seiner Wohnung, hielt an die Eckkneipe inne und ging kurzerhand hinein, denn er wusste, dass sie dort heiße Schokolade servierten. Er nahm die Tasse gleich am Tresen im Empfang, ließ seinen Blick gleichgültig über die Gäste schweifen, blieb beim Fußballspiel hängen, das auf dem riesigen Flachbildschirm übertragen wurde, zahlte die Tasse als er sie ausgetrunken hatte und verließ die Kneipe.
Gegen zehn war er zu Zuhause, Lydia lag schon im Bett und las, sie fragte nichts, er erklärte nichts. Sie kuschelte noch ein wenig mit ihm als sie von ihrem Buch genug hatte. Er legte bereitwillig das seine weg. Sie brauche noch etwas Reinsteck-Sex, flüsterte sie ihm ins Ohr, um besser einzuschlafen. Eine Gewohnheit, die sie beide sehr zu schätzen gelernt hatten, eine Art unaufgeregte, liebevolle Umarmung von innen, die nicht auf einen Höhepunkt aus war, sondern auf einen niederschwellig-lustvollen, zärtlichen Wärmeaustausch bis zum Einnicken. Oder eben nicht, weil die Lust dann doch heftiger wurde. Je nach dem.

Am darauffolgenden Wochenende machte er sich auf den Weg zu Maries Sohn und seinem Vater. Das Dorf lag gut zweihundert Kilometer von der Stadt entfernt. Als er die Abfahrt-Schilder der Autobahn las, erkannte er, dass er im letzten Jahr an diesem Flecken der Ostseeküste Urlaub mit Lydia und den Jungs gemacht hatte, nicht der schlechteste Urlaub. Er fand rasch die Zufahrtsstraße zum Dorf, das ziemlich nah am Meer lag und entschloss sich zu einer kleinen Unterbrechung, bevor er das Haus des Kindes aufsuchen werde. Er stellte das Auto am Dorfrand in der Nähe eines Buswendeplatzes ab, das an einem Waldstück grenzte, stieg aus und lief los, in den Wald hinein.    
Halbwegs erfrischt klingelte er eine Stunde später am Haus, in dem er den Jungen, seinen Vater und dessen Eltern erwartete.