Marie: Ausweglos (7)

Die Tante

Am Haus erwartete ihn eine Überraschung, die ihn Stunden später auf dem Rückweg vollkommen aus der Fassung bringen sollte. Denn erst als er wieder in seinem Auto saß, das leise auf der Autobahn zurück nach Hause dahin schnurrte, dämmerte ihm das ganze Ausmaß dessen, was ihm in den vorangegangenen Stunden passiert war.

An der Pforte des niedrigen Lattenzaunes, vor dem er das Auto nach seinem Waldspaziergang parkte, stand auf einem weißen Emaille-Schild deutlich lesbar die Hausnummer, die er gesucht hatte. Das Haus selbst konnte er nicht sehen. Es war durch eine hohe Hecke verdeckt, hinter der einige hohe Kiefern und eine mächtige, ausladende Birke lauerten. Er drückte den verwitterten Klingelknopf, vernahm aber kein Läuten. Außer einem altmodischen angerosteten türkisfarbenen Briefkasten, auf dessen Klappe das Wort „Post“ gestanzt war, entdeckte er am Pfosten der Pforte nichts, keine Wechselsprechanlage, nichts weiter. Ihm war rasch klar, dass er das Grundstück betreten musste, um herauszufinden, ob die Klingel im Haus überhaupt jemand gehörte hatte oder ob vielleicht niemand da war. Er drückte die niedrige Pforte auf, die klemmte, und betrat einen schmalen Trampelpfad, der nur halbherzig befestigt war, hier und da ein Pflasterstein, dann wieder mit Kies aufgefüllte Löcher. Das Grundstück wirkte nicht ungepflegt, doch es versteckte beharrlich sein Gebäude.  Er folgte dem Pfad und als das Haus endlich hinter absichtsvoll vernachlässigten Hecken und Bäumen sichtbar wurde, versetzte es ihn in große Verblüffung. Das einstöckige Gebäude mit Mansardendach wirkte wie der stehengebliebene Teil eines ehemaligen Landgasthauses. An der Hausfront reihten sich bodentiefe Rundbogenfenster, die verrieten, dass sich dahinter ein Saal beherbergen musste. Er steuerte auf die Eingangstür zu, eine alte zweiflüglige Kassettentür, in der eine etwa 60-jährige Frau mit einer mächtigen, wirren schwarzen Mähne auftauchte. Die hochgewachsene Frau trug einen farbbeklecksten Arbeitsoverall, deren Reißverschluss tief geöffnet war und den sie instinktiv zuzog als sie ihn erblickte. Noch bevor er sich vorstellen konnte, schließlich glaubte er sich als wildfremder Eindringling, ergriff sie das Wort.
„Ich kenne Sie!“
Er gab sich alle Mühe, sich an die Frau zu erinnern, aber da war nichts zu erinnern. Eine solche Frau hätte er nicht vergessen. Es musste auf seiner knittrigen Stirn stehen, was er dachte. Denn sie wiederholte, wohl um sicher zu gehen, dass er sich nicht verhört hatte:
„Ich kenne sie. Aber Sie kennen mich nicht. Sie sind Bronkow. Marie hat mir Fotografien von Ihnen gezeigt.“
„Marie…“ Nach vier Monaten klang der Name in seinen Ohren genauso fremd für wie er sperrig im Mund lag als er ihn aussprach. 
„Fotografien von mir? Wozu?“
Schon als er verwundert die Frage formulierte, wusste er das daran nichts verwunderlich war. 

Tatsächlich hatte Marie, neben dem Lesen und Schreiben, gern fotografiert. Auch ihn, sogar oft. Selbst wenn er nackt im Bett lag oder auf dem Sofa saß und ihr vorlas. 
„Du bist mein einziges menschliches Modell. Ansonsten interessieren mich nur Landschaften, Gebäude und leere Straßen,“ hatte sie ihm wiederholt erklärt, wenn sie ihre Spiegelreflexkamera wie ein Scharfschützengewehr auf ihn richtete. Es schmeichelte ihm und doch kam es ihm unheimlich vor, wenn er sich durch das Objektiv beobachtet fühlte und sie einfach nicht den Auslöser drückte. „Worauf wartest du, verdammt!“, drängte er. „Schieß mich ab!“ 
„Mach einfach weiter“, bat sie und irgendwann folgte das gehässige Klicken des Verschlusses, so als hätte sie auf etwas ganz Spezielles gelauert und es auch bekommen, denn sie schaute danach sehr zufrieden aus. Er hatte nie herausgefunden worauf genau sie eigentlich gewartet hatte, denn er bestand nicht darauf die Aufnahmen später zu sehen. Nicht dass er Angst davor gehabt hätte, was sie an ihm vielleicht Ungewöhnliches entdeckte, es war ihm, Tage später, schlicht egal geworden.

„Und Sie? Verzeihen Sie, wer sind Sie?“
„Maries Tante.“
„Ihre Tante?“ Er musste das Wort so widerstrebend ausgesprochen haben, dass ihr Lippen einen spöttischen Zug annahmen.
„Ja, es gibt Menschen, die haben Tanten. Maries Mutter war meine ältere Schwester. Und so bin ich also eine… Tante.“
„Schon gut. Marie hat nur nie eine erwähnt.“
„Ganz bestimmt doch.“
„Nein. Das wäre mir aufgefallen.“
„Vielleicht hat sie mich nicht als Tante erwähnt, sondern anders.“
„Anders? Machen Sie’s nicht so geheimnisvoll.“
Die Frau bat ihn ins Haus.
„Sie werden‘s schon verstehen“ sagt sie, grinste wie eine Pokerspielerin und hielt ihm die Tür auf.
Er trat belustigt ins Haus. Die Tante baute ja wirklich einen großen Bahnhof um seine schlichte Frage herum. Einen Bahnhof, in den sicher eine sehr banale Antwort, ohne großen Dampf, einfahren würde.
Er schaute sich neugierig um. Der Vorraum, in den er hineintrat, führte geradezu in einen Saal, den er zurecht hinter den Fenstern vermutet hatte. Er blieb an einer großen Flügeltür stehen, frischer Farbegeruch lag in der Luft. Mit einem kurzen Blick erfasste er, dass der Saal vollgestellt war mit diversen Schränken, Regalen, Holzböcken und Tischen. Eine Malerin, dachte er, als er ziemlich hohe Bilder entdeckte, die an den Wänden lehnten und eine Staffelei mit einem Bild, an dem sie offensichtlich gerade gearbeitet hatte. Er verspürte keinen Impuls das Bild näher zu betrachten und wendete ihr den Blick zu. 
„Störe ich Sie?“
Sie winkte ab. Etwas an ihr provozierte ihn, ihr Blick hatte etwas herausfordendes und er schaltete instinktiv auf einen angriffslustigen Testmodus um. 
„Ich habe eigentlich erwartet, den Vater von Maries Kind hier zu antreffen.“
„Werden sie nicht.“
„Dann sind Sie also der Vater, bei dem Maries Kind aufwuchs?“
Die Frau lachte und wies auf eine Tür seitlich im Vorraum.
„Wollen wir in die Küche gehen?“
Er musterte sie, sie wirkte verdammt attraktiv.
„Machen Sie das immer so?“
„Was?“
Sie traten in die Küche. 
„Fragen entweder mit Fragen zu antworten oder… gar nicht.“
Sie lachte schon wieder.
„Kaffee?“
„Gern.“ Jetzt musste auch er grinsen.
„Ich weiß, weshalb sie hier sind,“ legte die Frau nach.
„Ach?“
Neugierig versuchte er die Kontur ihres Körpers zu studieren, was nicht leicht war in ihrem farbbesprenkelten Overall. Sie hatte ihm den Rücken zugedreht und zog eine zerbeulte Blechbüchse vom alten Küchenschrank. Das wirre Haar faszinierte ihn. Als würde sie seine Blicke spüren, drehte sie ihm ihr Gesicht zu, ein gealtertes, schönes Gesicht mit wachen, hellen Augen. 
„Marie hat uns angekündigt, dass Sie hier bald auftauchen würden.“
Er rieb sich nachdenklich die unrasierte Wange. Es knirschte.
„Ist sie hier?“
„Nein.“
„Wissen Sie, wo sie ist?“
„Ja.“
Die Frau löffelte Kaffee in den Maschinenfilter.
„Wo?“
Sie winkte mit dem Löffel ab.
„Was wollen Sie mir mit dem Löffel sagen?“
„Dass ich’s nicht sagen werde.“
„Was soll das?“ stöhnte er und spürte einen klitzekleinen Groll aufsteigen. Sie konnte einfach nicht von dieser aufstachelnden Geheimniskrämerei lassen. 
„Warum nicht?“ fragte er.
„Marie möchte es nicht.“
Die Frau stellte eine Schale Kekse auf den Tisch. Das Geräusch klang wie der Punkt eines Satzes, dem man nicht wiedersprechen konnte, und lud ihn ein zuzugreifen. Er winkte ab, murmelte, dass er noch auf den Kaffee warten wolle und trat an eines der hier ebenfalls bodentiefen Fenster, das als Tür zur Rückseite des Hauses diente und die Sicht auf ein weites Feld offenbarte.
„Ist da hinten das Meer?“
„Ja.“
„Schön haben Sie’s hier“ knurrte er.
„Danke.“
„Erwartet man nicht, wenn man an ihrer Gartenpforte steht.“
„Danke.“
„Wirkt ganz schön verbunkert. Hinter all den Hecken und Bäumen.“ 
„Ich mag’s abgelegen. Und ungestört.“
Es gefiel ihm, wie sie ihn abtropfen ließ. Er wechselte das Thema und erläuterte, warum er gekommen war. Die Auflösung der Wohnung von Marie. Er ging davon aus, dass sie natürlich Bescheid wusste.
„Ist Marie sich wirklich sicher, die Bude aufzugeben?“ fragte er.
Die Frau zuckte unbeteiligt mit den Schultern. Er starrte sie an wie ein schales Bier. Sie musste verdammt gute Antennen haben, denn sie fragte mit weicher Stimme:
„Pott oder Tasse?“
„Pott. Und viel Milch.“
Sie schob zwei kunstvoll verzierte, große Tontassen auf den Tisch. Er kam auf die die Möbel und Bücher zu sprechen, die er nun entsorgen müsse, sie hörte bereitwillig zu. Ob sie Interesse daran habe, fragte er, oder vielleicht das Kind? 
„Das Kind?“
„Maries Kind. Anton.“
Die Frau lachte auf und als ob das nicht genügte, röchelte die Kaffeemaschine gehässig dazu.
„Was zum Teufel gibt’s da zu lachen?“
Sie schaut ihn an wie ein Auto mit abgeblendetem Licht und fragte so sanft, so dass es ironisch klang:
„Wer?“
„Anton! So heißt er doch? Maries Kind.“
„Kennen sie Anton?“ fragte sie ihn und leuchte ihn nun mit ihren unverschämt hellen Augen ihn an als stünde er plötzlich mitten auf einer Straße im Aufblendlicht und würde gleich von ihr überrollt werden.
„Nein. Marie hat ihn mir nie vorgestellt. Nur mal erwähnt.“
„Nur mal erwähnt?“
„Ja. Das ist der richtige Ausdruck.“
Sie nahm die Kaffeekanne aus der Maschine, goss das dampfende tiefschwarze Wasser in die beiden Pötte, holte eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank und hielt sie ihm mit blitzenden Augen entgegen. Irgendwie mochte er trotzdem ihre ausgestellte, provokante Gelassenheit.
„Marie hat Sie ganz schön an der Nase herumgeführt“, sagte sie.
„Sie hat was?“
Sie stemmte die Hände in ihre Hüfte und lächelte ihn an. Der Overall gab an der Taille nach und enthüllte, dass sie eine ziemlich schlanke Frau sein musste.
„Marie hat Sie verarscht. Zum Narren gemacht. Veräppelt. Verkaspert. Hinters Licht geführt.“
„Ja, ich hab’s verstanden.“
Sie griff zufrieden nach einem Keks, tunkte ihn in ihren rabenschwarzen Kaffee und steckte den matschigen Keks in den Mund. Er schaute auf ihre schön geschwungenen Lippen. Der seltene Fall, dass eine Frau gleich drei faszinierende Details im Gesicht hatte: Die Haare, der Mund und diese unverschämt leuchtenden Augen.
Er schnaufte unzufrieden und wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn am liebsten auf einer Streckbank gesehen hätte, um ihm die Gelenke zu brechen. Irgendetwas stimmte nicht. Dann begriff er.
„Es gibt gar keinen Anton.“
„Richtig.“
„Es gibt gar kein Kind.“
„Falsch.“
„Falsch?“
„Falsch.“
Sie kicherte, griff nach ihrer Tasse und ging zur Tür hinaus, die direkt ins Freie führte.
„Kommen Sie!“
Sie traten durch das Fenster auf ein großes gepflegtes Rasenstück, das sich bis zum Feld hinzog und das seitlich von Gemüse-Beeten begrenzt war.  
„Schauen Sie. Da.“
Sie zeigte mit der Tasse zu buschigen Stauden hinüber, an denen ein Mädchen mit langen dunkelblonden Haaren Tomaten pflückte.
„Da ist Anton.“
Er lachte auf.
„Ein Mädchen?“
„Antonia.“
„Schönes Detail.“ 
Jetzt lachte sie.
„Es freut mich, Sie zum Lachen zu bringen.“
„Ihre Tochter.“
Er bekam einen Schreck, doch irgendetwas ließ ihn nicht zweifeln, keinen Moment daran.
„Scheiße.“
Sie musterte ihn mit großer Milde und hob die Hände.
Er war wirklich fassungslos und brauchte lange, um sich zu sammeln, nippte noch aus der Tasse als längst nichts mehr drin war und sie ihm wiederholt anbot Kaffee nachzuschenken. Die Frau hatte ganz offensichtlich Mitleid. Mit ihm und mit seiner Ahnungslosigkeit, die so alt war wie das Mädchen. Sie nötigte Bronkow auf einem der zwei ausgeblichenen Korbsessel Platz zu nehmen, die an der Hauswand standen und zog sich selbst den anderen der beiden lädierten Sessel näher heran. Es knirschte als sie Platz darin nahm.