Marie: Ausweglos (8)

Das Kind

Endlich gab sie ihm etwas Futter, was Marie betraf. Sie schlug die Beine übereinander, von denen er annahm, dass sie sehr schlank waren und in einem Kleid hinreißend aussehen mussten und dann legte sie los. Nach dem Unfalltod der Eltern wurde sie Maries Familie. Unglücklich, entwurzelt zog die damals 20-jährige Marie zu ihr. Sie lösten die Wohnung der Eltern auf. Marie blieb ein paar Jahre, bis ein Treffen ihrer alten Schulklasse der Auslöser war, wieder in die Stadt zurückzuziehen. Bronkow war der Auslöser.

Er erinnerte sich. Beim Klassentreffen saß Marie neben ihm an der langen Tafel des angemieteten Restaurants und es war sofort wieder da war, das Gefühl nicht nur der alten Vertrautheit, sondern auch diese unbegreifliche Anziehung, die Körpern widerfährt, die sich einst gut kannten und die nun diszipliniert und artig nebeneinander ausharrten, während ihre Geister sich mit alter Leichtigkeit verbanden und neckten. Er bot ihr an, danach bei ihm zu übernachten, statt noch in der Nacht an die Küste zurückzufahren. Was er dann erlebte, damit hatte er nicht gerechnet.
Kaum hatten sie seine Bude betreten, griff sie wie früher nach ihm, wie selbstverständlich, ausgehungert und gierig, und zog wie in ein heftiges Gewitter über ihn. Es hagelte tiefe, innige Küsse, ihr üppiger Körper walzte donnernd über ihn hinweg, ihre aufgestaute Lust keuchte und schäumte als wäre sie ein Meer aus einem Naturkatastrophen-Film. Er bekam es mit der Angst zu tun, als sie schließlich im Bett landeten und sie seinen Schwanz mit ihrem Unterleib röchelnd und schmatzend verschluckte, einsog und inhalierte wie eine Opiumpfeife. Und ihn schließlich wieder herauspresste kurz bevor er in ihr explodierte. Sie hatte eine Heidenangst schwanger zu werden und es waren genau die Tage, verriet sie ihm, als er nochmal und nochmal herhalten musste für ihren Stau, für ihre Sucht nach Berührung, Greifen und Wälzen, Haut an Haut, und nicht explodieren durfte. Er hatte so etwas noch nie erlebt. Eine Frau, die einfach seinen Körper nahm, mit einer Energie, die ihm nichts anderes als Flucht oder Hingabe ließ. Er entschied, sich ihr auszuliefern und zwar solange bis sie genug hatte, bis sie satt war, bis auch sie ihm erlaubte, sich leer zu pumpen, nicht in ihr, sondern über ihren Brüsten, die wie Flundern breit auf ihrem Brustkorb lagen. 
Er fragte sich das damals nie, ob es ihre gemeinsame sexuelle Gier oder etwas anderes war, das Marie bewog ihr Küstennest zu verlassen und in die Großstadt zurückzukehren. Warum auch, sie war einfach wieder da, im Kiez und sie bezogen einander wie selbstverständlich wieder ins eigene Leben ein, das sie damals vor allem als ein sexuelles Leben verstanden. Er hatte zwar eine feste Freundin, eine freundliche, kluge Germanistik-Studentin, aber das hielt ihn nicht ab, sich mit Marie zu treffen. Und auch Marie, zurückgekehrt in das Leben einer wonnig-lustvollen Endzwanzigerin, die die Männer liebte, verzichtete nicht darauf, sich unverbindlich weitere Liebhaber zu halten. Sie trafen sie sich regelmäßig, doch nicht so häufig, dass sie ihre Treffs als „Beziehung“ verstanden. 
Marie hatte einen Job in einer Bücherei gefunden, las viel und schrieb in ihrer Freizeit. Er riss sein Referendariat runter. Gericht, Staatanwaltschaft, Kanzlei. Er galt als scharfsinnig, talentiert, ein wenig faul und spielte leidenschaftlich gern Fußball in einer Kreisklassen-Mannschaft. Sie trafen sich einmal in der Woche, das genügte ihnen, gingen ins Kino, strandeten danach in einer Bar, oder umgedreht, waren erst in der Bar und gingen danach betrunken ins Kino, schwatzten bis in die Puppen, er zahlte damals schon alles, das Kino und die Cocktails, und danach schliefen sie miteinander, bis sie satt voneinander waren und der Vorrat für eine Woche reichte. 
„Sie schwärmte damals von Ihnen. Sie bieten ihr eine emotionale Grundversorgung, sagte sie zu mir, seien ein zärtlicher Liebhaber, achtsam und großzügig, der weiß, wann man ihn braucht und der genau spürt, wann er wegbleiben muss. Eine perfekte Affäre. Ostern, Pfingsten, Weihnachten war sie bei mir am Meer. Aber dann…“ 
Die Tante wechselte das Bein, schlug das rechte über das linke, er entdeckte die schmalen Fesseln ihrer kleinen Füße, die aus ihren weiten Hosenbeinen herauslugten. Sie zögerte zu lange, so dass er fragte. 
„Aber dann…?“ 
„… trafen Sie Lydia.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Und legten sich nicht fest.“ 
Wieder zuckte er mit den Schultern.
„Sie tat’s ja auch nicht.“

Tatsächlich ließen sie es einfach weiterlaufen als Lydia in sein Leben trat. Sie überschritten die dreißig, mit Lydia wurde es ernst, die Frage stellte sich ihm, will er im Leben eine eigene Familie oder besser nicht, während er mit Marie nie zu einer eigenen Beziehung vordrang. 
Er stutzte über seine Formulierung und auch die Tante stolperte darüber.
„Eine eigene Beziehung?“
Er hatte keine Ahnung, was er damit sagen wollte. Ja, es war schon seltsam, dass sie all die Jahre zusammenblieben, in einer Affäre miteinander verbunden, während jeder von ihnen mit einer gewissen Kontinuität alle zwei Jahre den „echten“ Freund gewechselt hatte..
„Alle Zwei Jahre…typische Projekt-Länge.“
Die Frau schmunzelte als sie es so zusammenfasste. Als hätte sie selbst nie anders gelebt, die freiberufliche Malerin. 
„Bis Lydia kam. Mit ihr wurde es anders. Für Marie.“
„Für mich nicht.“ 
„Sie wollten heiraten! Eine Familie gründen.“
„Na und?“ 
Sie schaute ihn ungläubig an. 
„Hatten sie nie daran gedacht, es mit Marie zu tun?“
„Mit Marie eine Familie?“ 
Er hatte tatsächlich nie daran gedacht. Nie.
„Sie waren mit Marie nur wegen des Sex zusammen?“
Er fuhr sich verlegen durch die Haare, und fagte:
„Warum sonst haben Männer und Frauen Affären?“
„Sagen Sie’s mir.“
„Weil es keinen Grund gibt, keine zu haben.“
Sie musterte ihn nachdenklich.
„Muss man gleich das Leben teilen“, fragte er leicht verärgert. „Nur weil man jahrelang immer wieder Sex mit dergleichen Frau hat?“
„Man? Hat Marie das auch so gesehen?“
Es nahm die Züge eines Verhörs an, dachte er gereizt. Aber irgendwie mochte er die Unnachgiebigkeit der schwarzhaarigen Frau, doch er wusste nicht, ob es an der Frau lag oder an ihren giftigen Fragen. 
„Sagen Sie’s mir.“
„Haben Sie es nicht bemerkt?“
Er dachte nach. Nein, er hatte nicht bemerkt, dass es für Marie irgendwann mehr wurde als nur eine Affäre. 
„Woran merkt man sowas?“ 
Er dachte angestrengt nach. Über die nie ausgesprochene Vereinbarung, nur Sex haben zu wollen und nicht mehr, darüber hatten sie nie gesprochen. 
„Marie war entsetzt über ihre Heiratspläne. Sie fühlte sich verraten und missachtet. Es ging ihr sehr schlecht damit.“
Er kratzte sich unangenehm berührt am Ohr.
„Tut mir leid, aber ich hatte keine Ahnung, was damals in ihr vorging. Wir beendeten die Affäre ja auch nicht und haben einfach so weiter gemacht wie immer. Trotz Lydia. Auch nachdem ich Lydia geheiratet hatte.“
Sie seufzte. Es lag kein Bedauern darin, auch lag kein Hochmut oder Besserwisserei.
„Irgendwie krass. Sie brachten eine Affäre mit in die Ehe, ohne dass Ihre Frau davon wusste. Und Marie führt die Affäre weiter, obwohl Sie heirateten und sie verletzt war.“
„Das haben sie gut zusammengefasst.“
Die Frau sah ihn merkwürdig an. 
Sie schob den knirschenden Korbsessel weg, vertrat sich die Füße und fuhr stehend in ihrem Bericht fort. 
„Wie auch immer, Marie setzte die Pille ab. Ohne Ihnen was davon zu sagen.“
Ein Hauch Spott flirrte in ihren Sätzen. Wahrscheinlich ging es bei ihr nie ohne. Er hob die Hände.  
Ja. Schöne Scheiße.“
Er sah hinüber zum Tomaten-Mädchen, seiner Tochter. Das Mädchen schaute zwar hin und wieder neugierig rüber, aber es machte keine Anstalten hinüber zu kommen, obgleich es mit den Tomatenpflücken längst fertig war. 
„Sie ist von Ihnen schwanger zu ihrer Hochzeit gegangen.“
Bronkow rutschte tiefer in den Sessel und erinnerte sich an die Hochzeitsgesellschaft. Zwei schwangere Frauen. Nur wusste er nicht, dass Marie auch schwanger von ihm war. Aber Marie wusste, dass Lydia, die Braut, schwanger von ihm war. Plötzlich ergab es für ihn Sinn, warum Marie damals kurz nach der Hochzeit verschwand. Für mehr als sechs Jahre. 
Er erhob sich nun auch und ging ein paar Schritte.
Wie sehr Marie verletzt sein musste, daran hatte er nie gedacht. Doch es hätte nichts geändert. Er merkte wie ihm übel wurde.
„Im Grunde hat Maries Schweigen Sie davor bewahrt, eine Entscheidung zwischen zwei Familien treffen zu müssen.“
„Ich weiß nicht, ob ich das so toll finde, wenn man mir die Wahl nimmt. Sie hätte besser die Pille nicht absetzen sollen.“
„Hätten Sie sich denn damals für Marie entschieden?“
„Ich glaube nicht. Ich hätte es nur gerne gewusst.“
„Haben sie Ihrer Frau je etwas über Marie erzählt.“
„Alles. Bis auf das eine.“
„Das eine?“
„Die Affäre.“
„Warum nicht?“
„Wozu? Es hätte nur alles unnötig verkompliziert.“
„Und wenn Ihre Frau eine Affäre in die Ehe mitgebracht hätte?“
„Hätte ich sie nicht geheiratet.“
„Wenigstens eiern sie nicht rum, was das betrifft.“
„Was was betrifft?“
„Woher wissen Sie eigentlich, dass Ihre Frau keine Affäre hatte?“
„Weiß ich nicht.“
„Oder hat?“
Es stach kurz in seinem Magen.
Die Frau erzählte weiter. Marie brachte das Kind hier im Kreiskrankenhaus zur Welt. Antonia. Und zog mit dem Baby wieder bei ihr ein. Sechs Jahre ging das gut. Dann hielt Marie es nicht mehr aus. Das Dorf ödete sie an, ihr Bibliotheksjob in der Kreisstadt, die Männer hier, die mickrige Landkultur. 
„Sie wollte zurück.“
Er schüttelte den Kopf. Die Tante beobachte ihn als ob er ein Präparat unter einem Mikroskop wäre, eingequetscht zwischen zwei Deckgläschen.
Marie nahm sich wieder eine Wohnung in der Stadt, ausgerechnet im alten Kiez, in dem auch er lebte.
„Sie wollte das Leben in der Großstadt testen. Erstmal ohne Kind.“ 
Und dann ging es wieder los. Mit ihm. Ja, sie trafen sich wieder, obgleich er selbst Vater war und der zweite Junge bald kommen sollte. Er war mit Lydia glücklich. Und trotzdem…
Bronkows Brust zog sich zusammen. Was zum Teufel hatte ihn damals bloß geritten? Warum fing er wieder mit Marie an, sich zu treffen? Er wusste es nicht. Es war wie es war. Und es war zugleich unbegreiflich. Er schaute zum Mädchen rüber, das jetzt Kräuter erntete. Und hin und wieder aufschaute. Die Frau fuhr fort.
„Marie wurde klar geworden, dass sie Antonia allein großziehen musste. Das war das Gute als sie sich wieder mit Ihnen traf. Wenigstens das. Diese Klarheit. Aber sie konnte sich nicht entscheiden in der Stadt zu bleiben oder zurückzukommen.“
Sie fixierte ihn und schwieg, ließ die Sätze aushallen. Als pickte sie ihn mit einer Pinzette vom Deckgläschen, um ihn zurück in Petrischale zu setzen. Ihn, das unsittliche Untersuchungspräparat. 
„Schließlich hatte ich von Maries Hin und Her die Faxen dicke und schlug vor, dass Antonia bei mir bleibt. Und sie so oft es geht, zu uns kommt. Es gab einen Riesenärger. Ich musste ihr sogar mit dem Jugendamt drohen. Aber als es um Antonias Einschulung ging, hat sie schließlich zugestimmt. Und wir haben uns wieder eingekriegt.“ 
Er bemerkte, wie ihm der Atem stockte.
„Und Marie verschwieg mir das all die Jahre.“ 
Er war fassungslos, atmete durch und merkte, dass er nicht verärgert war. Eigentlich eher dankbar. 
„Wie hat sie das bloß durchgehalten?“
„O, wir hatten `ne Menge Streit deshalb. Schon wegen des Unterhaltgelds. Sie zahlte es schließlich selbst.“
„Ich weiß, sie erzählte davon…“
„Jeden Monat 200. Das war kein Pappenspiel“, unterbrach sie ihn.
„Wenn ich gewusst hätte…“ 
Er schwitzte.
„Sie zahlte es an mich, weil ich es verlangte und ihr drohte, Sie zur Kasse zu fordern.“
„Hätten sie’s doch.“
„Dann wäre es rausgekommen.“
„Wäre mir egal gewesen.“  
„Vielleicht wollte Marie Ihre Ehe nicht gefährden.“
„Blödsinn.“
„Sicher?“
„Lydia hätte es verstanden.“
„Ich rede nicht vom Kind. Das ist nur ein Detail.“
„Ich hätte meine Familie nicht verlassen. Auf gar keinen Fall.“
„Vielleicht hatte Marie Angst davor, dass Sie ihr einen Korb geben würden?“
Er schwieg. Die Tante hörte nicht auf, ihm zuzusetzen und beantwortete die Frage selbst.
„Vielleicht wusste sie das. Und liebte dieses Geheimnis.“ 
„Und warum will sie‘s jetzt lüften? Sie hat’s doch drauf angelegt, dass ich hier auftauche.“
„Es hat sich wohl was verändert.“
„Was?“
„Ich glaube, Marie hat sich geschämt.“
„Geschämt?“
„Für sich. Gegenüber Antonia.“
Sie schaute zu dem Mädchen rüber.
„Jetzt, wo Antonia selbst fast eine Frau ist.“
„Wofür geschämt?“
„Und Antonia? Ich meine, hat sie nicht gefragt, wer ihr Vater ist?“
„Natürlich.“
„Und?“
„Sie weiß es.“
„Was?“
„Antonia kennt Sie.“
„Vom Foto?“
„Auch vom Foto.“
„Auch?“
„Man kann jemanden kennenlernen, ohne dass der andere etwas merkt.“
Er stöhnte auf, schob den Hintern nach hinten und kam in eine aufrechte Sitzhaltung. 
„Was soll das heißen?“
Antonia weiß ziemlich viel über sie.“
Bronkow nahm den Kopf in die Hände und schaute sie fragend an.

Die Tante legte nach, mit großem Vergnügen. Bronkow fühlte sich wie ein Kamin, in den sie einen Holzscheit nach den andern stopfte, bis er glühte und kurz davor war, zu platzen.
Marie hatte Antonia bereits vor Jahren in die Stadt mitgenommen. Heimlich besuchten sie ihn bei einem seiner Altherren-Fußballspiele, peinlich darauf bedacht, nicht gesehen zu werden. Marie zeigte Antonia, wo seine Kanzlei war, was für ein Auto er fuhr, sie zeigte ihr das Gebäude der Wohnung, in der er mit Lydia und den Jungs lebte. Sie folgten ihnen einmal sogar in den Supermarkt, wo sie fast aufgeflogen wären. Doch Antonia hatte sich mit dem Einkaufskorb einfach unbemerkt an ihnen vorbeigeschummelt. Letzten Sommer lernte sie schließlich ihre ahnungslosen Halbbrüder kennen. Bronkow hatte mit der Familie an der Ostsee Urlaub gemacht, nicht weit von hier. Antonia war mit dem Fahrrad rübergefahren, hatte sich am Strand in ihre Nähe gepackt und war mit den Jungs ins Gespräch gekommen. Julian, den Älteren, der so alt wie sie war, fand sie sehr süß. Den jüngeren, etwas grimmigen Till fand sie interessant. Nach ein paar Strandtagen hatte sie sich mit Julian verabredet, schmunzelte die Tante. Sie besuchten eine Strand-Party. Und…
Bronkow lachte grimmig.
„Und?“
„Julian war hier. Sie brachte ihn mit.“
Bronkow dämmerte es. Er erinnerte sich, wie er und Lydia, Julian erlaubten, ein paar Tage wegzubleiben. Der Junge hatte etwas von einem Mädchen erzählt, die bei einer Malerin lebte. Er kramte sein Handy aus der Hosentasche.
„Ich erinnere mich“, sagte er.  „Wir hatten endlich mal Till ganz für uns. Und fuhren mit ihm rüber zu dieser berühmten Meeresausstellung.“
„Ozeaneum.“
Er nickte und drückte eine Nummer auf seinem Display.
Es klingelte im Haus. Das Mädchen drehte spontan den Kopf, doch sie machte keinen Schritt zum Haus.
„Julian hatte mir die Nummer von dem Mädchen gegeben.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf. 
„Was soll das? Was ist los mit Marie? Warum das alles?“
Die Tante musterte ihn und schwieg. 
„Späte Rache?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht eine Bekehrung?“
Bronkow schnaufte.
„Wovon bekehren?“
Er schüttelte den Kopf.
„Was soll’s. Will ich überhaupt verstehen, warum Sie es unbedingt vor mir geheim halten wollte?“ 
Die Tante lächelte und betrachtete ihn amüsiert. Er wurde das Gefühl nicht los, als hätte die Tante an ihm Gefallen gefunden, und zwar soviel, als ob er gerade noch so in ihr Beuteschema passte. Die schwarze Mähne mit den blitzenden Augen machte ihn nervös. 
„Marie hat mir einen sehr seltsamen Brief in ihrer Wohnung hinterlassen. Ziemlich wirr. Und irgendwie auch nicht, wenn ich’s mir genau überlege. Ein philosophisches Pamphlet.“
„Zeigen Sie’s mir?“
„Hab den Brief nicht mit.“
„Vielleicht irgendwann mal?“
Er nickte und entfernte sich vom Tisch, doch nach ein paar Schritten hielt er inne.
„Wollen Sie mir nicht einfach sagen, wo sie steckt?“
Sie schaute ihn lange an, als würde sie überlegen, doch dann schüttelte sie fast unmerklich den Kopf, ihre prachtvolle Mähne vibrierte. Er verzog enttäuscht den Mund.
„Ich denke, es gäbe verdammt viel zu besprechen.“
„Allerdings.“
Sie schwiegen.
„Sie müssen sich geldulden. Was immer Marie dazu getrieben hat. Sie wird sich melden. Sie braucht jetzt Zeit. Und Sie brauchen auch Zeit.“ 
Er guckte sie verdutzt an, verständnislos.
„Es Ihrer Frau zu erklären.“
„Ja verdammt.“
„Wenn Sie das getan haben, geben Sie mir Bescheid.“
Er schwieg, dachte nach, schaute auf seine Fingernägel.
„Okay.“
Und nickte schließlich.
Die Sonne stand ziemlich tief über dem Feld und ihm wurde klar, in welche Himmelsrichtung das Haus ausgerichtet war. Das Mädchen begann einen Schlauch auszurollen, um die Beete zu wässern. Er schaute ihr zu. Seiner Tochter.