Marie: Ausweglos (9)

Antonia

Sie hielt den Schlauch in der Hand wie eine Hundeleine und wässerte das Gurkenbeet. Er wusste, dass sie sein Kommen sehr genau spürte, aber sie schaute nicht hoch.
„Hallo.“
„Hallo.“
„Du weißt wer ich bin?“
Sie schaute nicht hoch. Merkwürdig.
„Ja. Du bist mein Vater“, antworte sie
Er musterte sie, steckte die Hände in die Hosentaschen. 
„Ich hab’s bis vor ein paar Minuten gar nicht gewusst, dass es dich überhaupt gibt.“
Er wartete einen Moment, doch sie rührte sich nicht. Er meinte, sich erklären zu müssen, kurz vor einer Entschuldigung:
„Na ja, ich wusste, dass deine Mutter ein Kind hatte… aber weder wusste ich, dass es von mir ist, noch dass du ein Mädchen bist.“
Sie schwieg. Er wechselte den Ton. Der Satz wurde weich wie Butter.
„Ja. Und nun weiß ich es.“
Sie wanderte mit dem Schlauch ein Stück weiter und wässerte ein Rudel knöchelhoher Pflanzen mit tulpenartigen giftgrünen Blättern. Endlich sagte sie etwas.
„Ist schon okay. Meine Mutter wollte es so. Du kannst nichts dafür.“
Sie blieb vertieft ins Wässern und er schaute zu, wie das eigenartig introvertierte Mädchen dem Wasser zuschaute.
„Du bist ein ziemlich hübsches Mädchen“, rutschte es ihm raus.
Er biss sich auf die Lippen. Er hatte zwar recht, aber es schien ihm viel zu früh für solch ein Kompliment. Was soll’s.
„Danke.“
Sie schaute ihn noch immer nicht an. Er beugte sich über die Pflanzen, roch den knoblauchartigen Geruch.„Bärlauch?“
„Hm.“
„Du bist… siebzehn?“
Jetzt schaute sie hoch und blickte ihn verwundert an. Na endlich. Er grinste:
„Gut gerechnet, hm?“ 
„Ja.“
„Deine… Großtante hat mir gerade erzählt, dass du mich schon länger kennst?“
„Jepp.“
Es war ihr unangenehm, dass er so direkt drauf los fragte, sie senkte wieder den Blick, doch er ließ nicht locker.
„Wie lange kennst du mich denn schon?“
„Ungefähr… zwei… nein, drei Jahre.“
„Krass.“
Er benutzte das Wort nicht oft, eigentlich nie, aber er vermutete, dass es hier passen könnte. Sie schien sich etwas zu entspannen.
„Ja, krass. Ziemlich krass.“
„Da hast du ja einen ziemlichen Vorsprung.“
Jetzt grinste sie und wanderte mit dem Schlauch weiter.
Sie bückte sich, zielte mit dem Schlauch auf den Boden, so als wollte sie nicht, dass das der träge Wasserstrahl die sternförmigen Blätterbüschel plattdrückte. 
„Bohnenkraut?“
Sie nickte.
„Du kennst Julian? Deinen Halbruder.“
„Ja. Hab ihn letztes Jahr kennengelernt als ihr hier in der Nähe Urlaub gemacht habt. Am Strand. Marie sagte, dass ihr da seid. Und dann bin ich hin. Ihr wart leicht zu finden.“
„Was meinst du mit leicht zu finden?“ fragt er.
Er sah wie sich ihre Lippen spöttisch kräuselten.
„Ein Mann mit zwei Söhnen am Strand… die spielen entweder Fußball oder bauen Burgen…“
Er grinste.
„Und was haben wir gemacht?“
„Eine Wasserburg gebaut.“
Er schmunzelte.
„Und dann habt ihr Fußball gespielt.“
Er musste lachen.
„Wie wir Jungs das so machen.“ 
Sie schaute ihn an, direkt in die Augen. Sie hatten seine Augenfarbe.
„Und wie war das für dich… uns so… zu sehen?“
„Ganz okay.“
Sie legte den Schlauch an ein Büschel hochgewachsener Zweige mit Blättern, die entfernt an einen Nadelbaum erinnerten.
„Und? Weißt du was das ist?“
Wow! Sie stellt mir eine Frage, dachte er.
„Klar.“
Sie schaute ihn abwartend an, weil er nichtweitersprach.
„Rosmarin.“
Sie kam nicht drum rum anerkennend zu nicken. Er hatte den Test, den er selbst eingefädelt hatte, mit Glanz bestanden und zeigte nun demonstrativ lässig auf die Pflanzen, die in ihrer Nähe standen, um seine Kompetenz zu bekräftigen.
„Zitronenmelisse, Basilikum, Oregano, Lavendel, Salbei. Enzian.“
„Du bist gut.“
Sie musterte ihn spöttisch und doch ein wenig überrascht wie ihm schien. Er lächelte:
„Liegt an den klugen Frauen, mit denen ich so zusammen war.“

Er dachte an die hagere Germanistik-Studentin mit den winzigen Brüsten und dem sonderlichen Vornamen, die mit ihrer Mutter einen kleinen Kräutergarten bestellte und für die er ein Dutzend Gräser-Sorten lernte, um sie ins Bett zu bekommen. An ihr lernte er damals, vor 30 Jahren, wie einfach man lästige Konkurrenten ausbooten konnte. Indem man sich einen Zacken wacher und neugieriger, gelassener und provokanter inszenierte. Oh, wie fasziniert war die zierliche Germanistikstudentin damals von seiner feinsinnigen Aufmerksamkeit! Und oh, wie verzückt war er von ihrem unglaublich schlanken Mädchenkörper, den sie schamvoll unter viel zu weiten Pullovern versteckte, anstatt ihn aggressiv auszustellen, wie er ihr damals riet, nachdem auch sie am Sex Gefallen fand, den sie bis dahin nur als lästige Dienstleistung an seinem Vorgänger betrachtet hatte. 
Er wusste, dass sich mit dieser Frau ein eitler Charakterzug in ihm festsetzte, der ihn ein paar Frauen weiter von der intuitiven Neugier gegenüber Frauen über das hinterlistige Verstehen endgültig zu einem durchtriebenen Verführer machte. Warum diese Gabe nicht bei der eigenen Tochter nutzen, um sie für sich einzunehmen. 

Er betrachtete behutsam Antonia, die schon erstaunlich weibliche Konturen ausgebildet hatte.
„Und wie findest du Julian?“
„Nett.“
Er hockte sich zu ihr, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Das Wasser plätscherte weiter träge aus dem Schlauch.
„Warum hast du ihm nicht gesagt, wer du bist?“
Sie schwieg, steckte den Zeigefinder in die zerfranste Öffnung des Schlauchs und schwenkte ihn hinüber zur Zitronenmelisse. Er wagte den nächsten Vorstoß.
„Hast du mit Julian… Ich meine, habt ihr…“
„… was angefangen?“
Er schaute sie genauso amüsiert an wie sie ihn. Er konnte tatsächlich keine Entrüstung in ihrem Gesicht zu lesen, registrierte er verwundert. Am liebsten wollte er fragen, ob sie es genossen hätte, wenn sich Julian in sie verliebt hätte, obwohl er nicht sicher war, ob es ihn wirklich amüsiert hätte, wenn sie’s bejahen würde. Er unterdrückte die Frage und als ob sie‘s erahnt hätte, sagte sie:
„Nein. Er ist doch mein Bruder.“
„Und er wollte auch nichts von dir? Schließlich wusste er ja nicht, dass du…“
„Nein. Es nicht dazu gekommen.“ 
Er spürte, dass er nicht so ganz daneben lag. Als hätte sie die Richtung seiner Gedanken gelesen, legte sie nach:
„Wir haben uns dafür nicht oft genug getroffen.“
Sie zog den Finger aus dem Schlauchende, das sie auf die Zitronenmelisse gerichtet hatte. Das Wasser spritzte kräftig heraus. Er musterte ihre schmalen Hände und ihm überkam der Impuls einen allerletzten Testballon, was Julian betraf, zu starten.
„Hast du Julian mal bei uns in der Stadt besucht?“
„Ja.“
„Ja?“
„Ich bin ich mal zu euch gefahren.“
„Du warst bei uns?“ 
„Ja.“
„In der Wohnung?“
Jetzt war er doch überrascht. Er stand auf. So ist das, wenn man zu neugierig war, konnte es einen kalt erwischen.
„Ich hab‘ ihn besucht. Julian.“
Jetzt stand auch sie auf. 
„Aber du warst nicht da.“
„Wann war das?“
„Letzten Herbst. Aber deine Mutter und Till waren da.“
„Und warum hast du dich da nicht zu erkennen gegeben?“ 
Sie zögerte. Es schien ihm als hätte sie nie ernsthaft darüber nachgedacht, so als wäre es das normalste auf der Welt, einen wildfremden Mann ein paar Jahre zu beobachten und ihm nicht zu sagen, dass er ihr Vater ist. 
„Weiß nicht… erst wollte ich… eigentlich schon am Strand… außerdem… meine Mutter wollte es ja nicht.“ 
Er war nicht zufrieden, sie merkte es. Und er merkte, dass sie es bemerkte.
„Ich geb’s zu, es war prickelnd. So ein Geheimnis.“
Sie schmunzelte. Er hätte sich schon ein wenig mehr Dramatik gewünscht. Oder Sentimentalität.
„Warst du auch schon davor öfter in der Stadt. Wegen mir?“
Sie nickte.
„Drei, vier Mal. Mit Marie.“
„Wie alt warst du da?“
„Vierzehn.“
„Und wie war das für dich? 
„Ging so.“ 
„Ging so?“
„Es war abenteuerlich. Immer, wenn ich dich gesehen habe.“
„Wo hast du mich denn so gesehen?“
Er wusste, was jetzt etwa kommen würde, die Tante hatte es ihm ja erzählt. Wollte er es wirklich von ihr hören und sehen, wie sie es sagte?
„Och…“, stieß das Mädchen aus. 
„Wieso hat Marie das gemacht, was denkst du?“
„Was?“
„Dich in die Stadt mitzunehmen und mich wie ein Zootier zu besichtigen.“
Sie kicherte.
„So habe ich das noch gar nicht gesehen.“
„Was hat sie dir denn die ganzen Jahre davor erzählt, wer und wo ich bin?“
„Dass du in der Stadt lebst, verheiratet bist und zwei Kinder hast.“
„Wolltest du mich nicht früher kennen lernen?“
„Doch. Schon.“
„Und?“
Er musste aufpassen, dass er nicht ärgerlich wurde.
„Wie bist du eigentlich darauf gekommen, dass dir ein Vater fehlen könnte?  
Er sah, dass sie ihn nicht verstand.
„Wie hast du das gemerkt, dass ich dir fehle?“
Ihr Blick wirkte irritiert.
„Durch meine Freunde.“
Er fluchte leise, natürlich, das lag auf der Hand.
„Ja klar, entschuldige. Du hast deine Freunde mit ihren Vätern erlebt. Und da fiel dir auf, das in der Regel noch jemand an dir herumerziehen müsste.“
Sie lachte.
„Und wieso hat Marie es dir dann doch gesagt, wo ich bin?“
„Das war nicht ganz freiwillig.“
„Hallo? Hast du sie etwa erpresst?“
„Gewissermaßen.“
„Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“
„Ich habe mitgekriegt, dass sie immer noch was mit dir hatte.“
„Wow! Wie kriegt man so was mit?“
„Ich hab` sie streiten hören. Meine Mutter und Tante Barbara. Über dich.“
„Ach, sie heißt Barbara? Und wie war das? Als du es mitgekriegt hast?“
„Na scheiße.“
„Warum?“
„Warum seid ihr dann nicht zusammen?“
„Weil ich noch eine Familie habe?“
„Ist das fair gegenüber deiner Frau und deinen Jungen?“
„Okay. Jetzt hast du mich.“ 
Er nahm die Hände aus den Hosentaschen.
„Und ich werde dir jetzt nicht erklären, warum du das später verstehen wirst. Dann, wenn du nämlich selbst auf den Geschmack gekommen bist.“
„Geschmack worauf?“
„Auf die Liebe zwischen Frau und Mann. Oder zwischen Frau und Frau.“
Sie schwieg.
„Weißt du wo deine Mutter ist?“
„Nein. Meine Tante weiß es.“
„Wüsstest du gern, wo sie ist?“
“Ja.“
„Dann sollten wir es rauskriegen Und zu ihr hinfahren. Und ihr dann so richtig den Hintern versohlen.“ 
Sie kicherte wieder.
„Wir sind ja schließlich seit 17 Jahren eine kleine Familie. Auch wenn ich schon eine habe. Und sie hat das verhindert.“
„Ja machen wir. Klar.“

Als sie sich am Auto verabschiedeten, sagte er zu ihr:
“Das ist clever. Marie stillt deine Neugier und verhindert, dass du Lust hast, mich in dein Leben zu nehmen.“
„Hättest du es denn gewollt?“
„Klar warum nicht?“