mitgegebenes Vorwort

Dieser Weblog beruht auf einem Missgeschick.

Der Autor dieser Seiten war einst leidenschaftlicher Tangotänzer. In seinen viel zu wenigen Tanzjahren entdeckte er im Tango Argentino eine Goldgrube von gleichnishaften „Figuren“.

… Cabeceo, Caminar, Ocho, Abraco, Volcada, Soltada, Cabeceo, Cunita … „Figuren“ aus der Sprache des Tango Argentino, die sich leicht rekonstruieren ließen in jeglicher Begegnung mit anderen Menschen, eine Art Elementarsprache, ein ABC für Begegnungen.

Ein schlichtes Beispiel: Es ist, als ob ich einen Planeo mit dir tanze. Was soviel bedeutet wie: Ich drehe mich mit dir endlos im Kreis, ausgelöst durch eine kleine „Herabsetzung“. Kurzum: Gleichnisse, die sich übertragen ließen als (manchmal) naiv-einfältige Beschreibungen geglückter oder missglückter Alltags-Begegnungen.

Irgendwann stieß ich auf den Begriff des „Healing Tango“, des „heilenden Tango“, den medizinisch ausgebildete Tangotänzer einführten als sie den Tango Argentino für therapeutische Zwecke entdeckten.

Ich hatte zu jener Zeit mit keiner Sekunde daran gedacht, dass der Tango für mich selbst einmal diese Dimension bekommen könnte. Allenfalls eine psychotherapeutische. Aber wusste ich damals schon. Vor allem verstieg ich mich zu jener Zeit in eine existenzialistische Dimension, die heute für mich abstrus und kauzig klingt.

Da ich zu jener Zeit meinen Lebensunterhalt im Beruf eines Drehbuchautors und Filmemachers verdiente, kann mir die Idee, meine bis dahin eigene, ziemlich unstete Lebensreise als Film-Story zu skizzieren, in welcher der Tango für die irrlichternde Hauptfigur (die natürlich „irgendwie“ ich selbst war), sich als heilendes Mittel und Medium erweisen sollte.

Der Plan für einen Episodenfilm war rasch skizziert. Eher eine Serien-Idee, wie mir jetzt scheint, da sich die Episoden-Menge kaum bändigen ließ. Damals hatte der Serienboom Deutschland und meine Branche noch nicht erfasst und doch packte ich die Gelegenheit nicht beim Schopfe, meiner Zeit mal voraus zu sein.

Ich skizzierte hastig ein Dutzend Episoden, von denen Kollegen beklagten: Die Figur dreht sich ja nur im Kreis und entwickelt sich gar nicht weiter! Weniger Wohlgesinnte bemängelten, wie unsympathisch und inaktiv die Figur sich doch benähme, ein Zuschauer würde daran niemals Gefallen finden. Abgesehen davon, dass der Hauptfigur alles abging, was „identifikabel“ schien!

Zahlreiche Prosaskizzen entstanden, die „irgendwie“ mit dem Thema des „Healing Tango“ zu tun hatten und es zugleich (ein typischer Zug von mir) umher mäandernd, verließen. Kurz: Auf den Punkt kam die Sache nie. Blieb ewiges Fragment. Das kommt vor bei Schreiberlingen. Ihre Dateiordner sind vollgestopft mit unvollendeten Ideen, Skripten und Skizzen.

Freilich wurde mir auch selbst klar, dass die Hauptfigur im Sinne der klassischen Dramaturgie ziemlich „neben der Spur lag“ und vermutlich wirklich nur mich enthüllte, wie ich selbst so drauf war, als dass ich hier ein starke, allgemein-gültige Kunst-Figur entwarf.

In einer Notiz zum Stoff hieß es: „In seinem unermesslichen Bedürfnis nach Eros und dessen suchtmachender, stets verunsichernder Lebenskraft, stößt ein „unverbindlicher“ Mann in seinen „besten Jahren“ auf immer kompliziertere Herausforderungen seines Alltags: als Trennungsvater, Alleinlebender, unsteter Liebhaber und stets sozial Prekärer, der sich nur nach einem roten Faden sehnte in seiner rastlosen Suche nach innerer Ruhe und Stabilität.“

Mir wurde klar, zu einem echten Helden konnte ich mich selbst nicht umschreiben, selbst wenn es mir gelang halbwegs überzeugend mit meinen eigenen charakterlichen Unarten zu kokettieren. So wendete ich mich schließlich davon ab, ließ den Stoff liegen, ging stattdessen Tango Argentino üben (den man ja lebenslang lernt), tanzte ihn mitzunehmender Besessenheit und Perfektion, und widmete mich Projekten, die mir aussichtsreicher erschienen, das jährlich nötige Brotgeld einzusammeln.

Ironie des Schicksals nennt man es, wenn das (immerhin in einem Treatment-Text) entworfene dramatische Schicksal der Hauptfigur, mich selbst, seinen Autor, im März 2016 einholte, ja überholte: Eine Gehirnblutung – ausgelöst durch eine gesundheitlich achtlose Lebensweise – schleuderte mich aus allen Strukturen (Beruf, Heimat, Beziehungen), die mir bis dahin – hedonistisch ausgebeutet und gepflegt – Sinn und Halt gegeben hatten. Vor allem aber vertrieb es mich aus meinem bis dahin irrtümlich angenommen blendend gesunden Körper. Das „Große Missgeschick“.

Mich im Rollstuhl wiederfindend, war an Tango Argentino nicht mehr zu denken. Auch nicht an den „Healing Tango“. Das alte Leben war mir abgezogen wie eine alte Esels-Haut.

Nunmehr sind fast vier Jahre vergangen, ich habe einen neue regionale Bleibe gefunden. Heimat möchte ich die neue Bleibe (noch) nicht nennen. Aber ich verlasse sie selten und nur ungern. Ich habe neue Beziehungen, eher (kleine) Gemeinschaften gefunden. Wie auch neue Arten von karg bezahlter Schreib- und Denk-Arbeit, die mir meine sauer verdiente, kärgliche Erwerbsunfähigkeits-Rente ein wenig aufstockt. Ich komme „so durch“. Bin aus dem Rollstuhl aufgestanden. Bewege mich mehr schlecht als recht durch meine kleine lokale Glocke, mein altes Leben säuberlich abgetrennt vom jetzigen…

… und doch begegnen mir hin und wieder die alten Text-Skizzen, die alten Ideen zum „Healing Tango“. Und natürlich begegnet mir auch als wehmütiger Zaungast der Tango. Das lässt sich nicht ganz vermeiden, auch nicht hier in der neuen Bleibe.

Dieser Weblog, um endlich auf den Punkt zu kommen, will nun nichts anderes als beliebige Prosa-Fragmente versammeln, die mein verborgenes Ursprungs-Thema von damals umspielen. Ohne tiefere Absicht und ohne gestalterische Ausrichtung auf irgendein „Produkt“ hin. Der Weblog möchte somit endlose Um- und Abschweifung zum Gegenstand des „Eros“ als suchtmachende und zugleich verunsichernde Lebenskraft sein. Die Revision eines Lebens, das nicht mehr zu leben ist. Und das ist schon alles.

Mit dem Tango Argentino hat dieser Weblog also nichts mehr zu tun. Er ist allenfalls Erinnerung des Autors als ein von ihm „überinterpretierter“ Tanz, der dem Seelen-Leben eines anderen Körpers gehörte, mit dem der Autor einst „lebensvertraglich“ verbunden war und den er vor Jahren verloren hat.