Die Gleichgültigen (2002)

Er wusste nicht, dass es der letzte Nachmittag mit ihr war. Als er aufstand, hatte er wie immer eine schöne Draufsicht auf das riesige Plattenbaugebiet. Ineinander geschobene Blöcke. Wohntürme, die sich dazwischen herauswuchteten. Rasenflächen, auf den Kinder herumlungerten. Es war heiß. Ein Eiswagen klingelte in irgendeiner Schluchtwindung. Der Kompressor einer Fressbude ratterte. Lydias Haut glänzte, sie hatte sich die Bettdecke zwischen die Beine geklemmt und schlief fest. Drei Männer in Shorts und Badelatschen schlappten unten vorbei. Glitzernde Autorücken säumten die schmalen Straßenzüge. Über allem lag das sonore Surren der Entlüftungsaggregate. Er weckte sie.

Sie kamen in die Innenstadt. Es war heiß im Auto, der Verkehr strengte Lydia nicht an. Sie saß bequem zurückgelehnt im Fahrersessel. Den Daumen hatte sie in den Lenker gehakt. Die andere Hand lag auf seinem Oberschenkel, der linkn Fuß auf der Lüftungsdüse. Mit frischem roten Nägellack. „Zum Reinbeißen“, erwähnte er, als er nach der Cola griff. Der Fahrtwind bauschte ihr Kleid zwischen den weit gespreizten Beinen auf. Die Häuserfassaden glitten langsam vorbei. Schaufenster. Autos. Doppelstockbusse. Passanten. Er sah ein bisschen verkleidet aus, in seinem leichten, grauen Sommeranzug mit weißem Hemd. Lydia steckte ihm einen Finger in den Mund. Man konnte nicht sagen, dass er seinen Job noch sehr ernst nahm. Er war jung, aber schon zu lange dabei, ohne Ehrgeiz. Immerhin, er hatte nur noch mit gewerblichen Kunden zu tun, keine privaten mehr. In der Hierarchie standen ihm noch ein paar Stufen bevor. Wenn er keine Schulung ausließe, wäre das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. 
„An einem Tag buchst du so viel Geld um, dass es für uns beide reichen würde. Bis zum letzten Seufzer. Und einem goldenen Grabstein dazu,“ sagte sie als, er das letzte Mal heimgekehrt war. Sie saß gebeugt auf ihm, das lange Haar war ihr ins Gesicht gefallen und eine Schweißperle rann vom Hals herab über ihr Schlüsselbein, zwischen ihre Brüste, wo sein Handrücken die Schweißperle geduldig erwartete.
Sie fuhr die Bahnhofsauffahrt hinauf, dann in eine der Parkbuchten, zog einen Parkschein, er stellte die Colabüchse aufs Dach und nahm den Koffer heraus. Er musste sie wieder huckepack durch die Automatik-Glastür ins Bahnhofsfoyer tragen. 
„Was bist du, wenn du zurückkommst“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Geschult.“
Das übliche Bahnhofsgewühl. Ansagen. Durchsagen. Gemurmel. Hatz. Neben den Plänen zur Waggonanordnung blieben sie stehen. Auf den Bahnsteigen buntes Gewimmel, getrennt von den blitzenden Gleisen, auseinandergedrückt von den Aufsichtstürmen. Graue Waggonrücken ruckelten ein. Ansagen gongten in die Murmelwolken unterm gewölbten Glasdach. Riesige knallige Werbebanner schwebten an stählernen Trägern. Gepäckwagen ratterten über die spiegelglatten grauen Granitplatten der Bahnsteige. Bremsen quietschten sirrend. Die geöffneten Waggontüren verschlangen die sich davor stauenden Menschentrauben.

Er wusste, sie würde nicht warten, bis der Zug abführe. Sie drückte ihn, kniff ihn in den Hintern, biss ihn in den Hals und verschwand im Tunnel. 

Er stieg nicht ein, ging den Zug entlang. Am Restaurant-Waggon verluden zwei Männer Kartons. Eine letzte Zugansage ertönte. Er schaute zu den gespiegelten Scheiben der Aussichtsplattform. Zu den Köpfen und Armen, die aus den Zugfenstern lugten. Zu denen, die davor, die sich verabschiedeten und eine Genickstarre holten. Die Zugführerin stieg ein. Die automatischen Türen krachten zu. Die Leute winkten. Die Räder rollten an. Die Waggons zogen vorbei. Der Bahnsteig leerte sich. Er schaute dem Zug lange hinterher, nahm seinen kleinen Koffer und zog ab.

Er hatte ein Hotelzimmer in der Innenstadt gebucht. Für eine Woche. Als er zurückkam, die Wohnung betrat, war sie fort. Ausgezogen.

Es war nicht allzu schwer, sie zu finden. Ein paar Anrufe genügten. Weder hatte sie sich verstecken wollen, noch wollte sie ihm aufdrängen, wo sie war. Er spürte keinen Drang sie anzurufen. Als er am Klingelbrett ihren Namen las, ließ er die Hand in der Tasche und ging wieder.

Er fand schnell eine neue Wohnung.