Die Nachfolgerin (2013)

Als sie zum Rauchen hinausging, sah sie ihn mit Jeanine zusammenstehen und schnappte diesen Satz von ihr auf: 
„Sie beide wirken immer so harmonisch.“ 

Sie war Jeanine nach den Tanzproben öfter begegnet, flüchtig, aber aufgefallen war sie ihr schon. Wenn sie ihn abholte, standen die beiden zusammen und sprachen miteinander. Der Ausdruck ihres Gesichts wirkte eigentümlich kühl und in ihren höflichen Worten lag eine Glätte, die es ihr schwer machte, einen Scherz anzubringen. Sie hatte wunderschöne dicke, lange Haare. Pechschwarz, glänzend wie das Gefieder eines Raben. 

Nach der Premiere fand die Feier im Zuschauerraum statt, wo sie ihn mit Jeanine zusammen, an eine Wand gelehnt, stehen sah. Nicht auffällig lange, aber doch so lange, dass es ihr auffiel. 

Als sie vom Rauchen zurückkam, standen die beiden noch immer an der Wand. Sie stellte sich zu ihnen, machte ihr ein Kompliment zu ihrem Solopart, streckte die Hand nach ihm aus, strich ihm über sein schneeweißes Hemd und strahlte Jeanine an, die freundlich nickte und mit einer tiefen, sauber artikulierenden Stimme zu ihr sprach: 
„Ich hatte vorhin gesagt, Sie beide wirken immer so harmonisch, wenn man Sie sieht.“
„O Danke“, erwiderte sie und zeigte auf ihn, der nicht verriet, ob er sich gestört fühlte. „Was hat er denn dazu gesagt?“
„Er hat gesagt“, antwortete er spitzbübisch, „dass wir sehr viel Wert darauf legen uns gegenseitig zu sagen, was jedem für sich selbst wichtig ist.“
„Offen und ohne Tabus?“ ergänzte sie mit ironischem Unterton.
„Genau so.“ Er nickte undurchsichtig und wandte den Blick zu Jeanine, die ihre Augen niederschlug. 
„Auf dieser Grundlage handeln wir dann aus, wer wann wem welche Zugeständnisse macht“, flötete sie fröhlich.
„Zugeständnisse?“ 
„Das ist sehr wichtig!“ 
Sie nestelte an seinen kleinen, niedlichen Hemdknöpfen herum.
„Damit wir auch gemeinsame Dinge finden. Und nicht immerzu voneinander erfahren, was wir nicht miteinander machen wollen.“ 
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn flüchtig. Weder wehrte er sie ab, noch erwiderte er ihren Kuss.
„Was Sie nicht miteinander machen wollen?“ hörte sie Jeanine fragen.
„Na ja, zum Beispiel… Er will das Wochenende zu Hause verbringen. Sie müssen wissen, er ist sehr häuslich. Lesen, Filme schauen, im Garten arbeiten. Er ist sehr genügsam.“
„Das klingt wie eine Kleinanzeige“, bemerkte er. „Vermiete meinen Partner am Wochenende an scheue, zurückgezogene, häusliche Damen.“ 
Sie kicherte übermütig. Jeanine verzog keine Miene. 
„Ja, und ich… ich gehe liebend gern aus!“
„Was sie sehr oft will. Und mich dabeihaben.“ 
Sein Tonfall klang plötzlich neutral, so als hätte er sich dem von Jeanine angepasst.
„Ich hab‘ dich eben gern dabei! Ist man deshalb nicht ein Paar?“
Sie klatschte lebhaft in die Hände und schaute Jeanine vergnügt an. „Was meinen Sie, wie sowas ausgeht?“
„Ich weiß nicht? Sie machen es abwechselnd mal so und mal so?“
„Genau! Und das ist schon das ganze Geheimnis unserer… Harmonie.“
„Es hat etwas Krämerhaftes, nicht wahr?“ fragte er Jeanine.
„Ich finde es gut so“, hörte sie Jeanine sagen.
„Aber dass wir uns auch mal wie die Raben streiten… hast du das auch erzählt?“ 
Sie schlang ihre Hand um seine Taille.
„Er hat mir berichtet, dass sie eine schwierige Phase durchmachen mussten, um das zu lernen.“
Seine Auskunftsfreude versetzte ihr einen kleinen Stich. 
„Klingt das… harmonisch?“ fragte sie trotzig.
„Ich bewundere, dass Sie das geschafft haben“, antwortete Jeanine.
Das waren sie, ihre glatten Worte, an denen sie abrutschte. Worte ohne Türklinken. 

Da bemerkte sie seinen Blick, der auf Jeanine ruhte. Sie kannte diesen Blick. Vor zehn Jahren, als sie sich kennen lernten, hatte er auf ihrem Gesicht gelegen.
„Eine schwierige Phase… Das hat er Ihnen verraten?“ 
„Er ist sehr offen. Damit schafft er es, mich aus der Reserve zu locken. Manchmal mehr als mir lieb ist.“
„Nehmen Sie sich in Acht. Das ist sein Trick.“
„Ich weiß ein gutes Gegenmittel. Schweigen.“
Sie lachten. 
„Harmonie… das scheint Sie sehr zu beschäftigen?“
Sie hatte plötzlich Geschmack am Gespräch gefunden.
„Ja. Ich finde es ist sehr selten, dass Menschen zusammenpassen.“
„Sie meinen also, wir würden gut zusammenpassen?“ 
Sie wedelte mit dem Zeigefinger zwischen ihrer und seiner Nase hin und her.
„Auf mich wirken Sie so. Sie nehmen einander an wie Sie sind.“
Sie fand, dass in Jeanines Worten irgendetwas Grausames lag. Aber es war schwer ihr zu widersprechen. Sie schaute in dieses ruhige Gesicht, das so unerträglich schön aussah. 
„Nein“, wandte sie sich an ihn, „…nicht harmonisch! Vielleicht meint sie eher, dass wir friedfertig wirken?“ 
„Wenn Sie es so ausdrücken mögen.“ Jeanine lächelte unmerklich.
„Friedfertig gefällt mir besser. Wir werfen uns bei aller Verschiedenheit nicht vor, dass wir verschieden sind.
Sie griff nach seiner Hand, doch er erwiderte ihre Geste nicht.
„Gewiss“, pflichtete er ihr höflich bei. 
„Ach was! Wir betonen es.“ ergänzte sie belustigt.
„Sie betonen was?“ fragte Jeanine irritiert. 
„Dass wir verschieden sind!“
Sie ließ seine Hand los und trommelte auf seinen kräftigen Brustkorb.
„Er sagt stets, er sei sehr gern allein. Und von mir meint er, dass ich es ohne Gesellschaft nur schwer aushalte. Und Sie? Sind Sie viel allein?“ 
„Ja. Oft. Und gern.“
Sie sah ihn an. Er schaute Jeanine noch immer an. Mit diesem Blick.
„Ich könnte das nicht. Wie schaffen Sie das nur?“ 
Sie drehte sich um, auf eine Antwort wartend. Doch Jeanine war fort. 

Die fröhlich lärmenden Leute räumten die Stühle und Notenständer zur Seite, um eine Tanzfläche zu schaffen. Einige Musiker packten ihre Instrumente wieder aus und begannen zu spielen.
Als sie tanzten und sich wie zwei Duellanten umeinanderdrehten, wusste sie, dass sie nachts mit ihm schlafen wollte. Und dass sie dabei Jeanine denken würde.