Vater hatte bereits Kohlen aus dem Keller geholt und feuerte fluchend den Badeofen an. Er schimpfte laut über Maries Eltern, während Mutter ihn mahnte, es nicht vor Marie zu tun. Marie saß in der Küche und wartete bis das Badewasser heiß war. Als ich den Kopf in die Küche steckte, befahl Mutter mir, mich um Marie zu kümmern. Ich schob ihr meine Lieblings-Bücher über den Küchentisch. Ich durfte schließlich das Badewasser einlassen, musste dann aber gehen als die Mutter Marie in die Wanne nötigte und sie abschrubbte.
Im Wohnzimmer schlug Vater indessen ein Bett für sie auf.
Als ich später am Schlafzimmer meiner Eltern lauschte, konnte ich mir einigermaßen zusammenreimen, was passiert war. Maries Vater, der hohe Parteifunktionär, hatte Maries Mutter einer neuen Liebhaberin wegen wieder einmal zur Weißglut getrieben. Doch diesmal war ihre Mutter fest entschlossen aufgebrochen, ihn aufzuspüren. Die verängstigte Marie war ihrer wutentbrannten, angetrunkenen Mutter besorgt gefolgt und von ihr zurückgeschickt worden. Vor der Wohnungstür fand sich Marie ausgesperrt.
Wie die Suche von Maries Mutter ausgegangen war, klärte sich noch in derselben Nacht auf. Gegen zwei hörte ich eine gellend-laute Frauenstimme auf der Straße. Maries Mutter. Sie hangelte sich betrunken von Laterne zu Laterne und brüllte die dunklen Fenster der Mietshäuser an. Sie rief nach einem beliebigen Mann, den sie in der Nacht vernaschen wollte, ganz gleich wer sich am Fenster zeigen wollte. Ich schlich ins Wohnzimmer.
Marie stand am Erkerfenster wie auf einer Bühne, ihr dichtes dunkelblondes Haar mit einem Stich ins Rote fiel ihr die Schulter herunter, unten krakeelte ihre Mutter, während ich staunend die Kontur von Maries Körper studierte, der sich im hereinfallenden Laternenlicht ziemlich deutlich unter einem von Mutters weißen Nachthemden zeigte. Sie ließ es stumm geschehen, als wäre es das Normalste auf der Welt, dass ein halbwüchsiger Junge sie anstarrte wie ein Weltwunder. Schließlich legte sie sich, ohne ein Wort mit mir zu wechseln, wieder aufs Sofa und ich verließ mit klopfendem Herzen die Stube.
Als ich aufstand, freute ich mich, dass Marie noch bei uns war. Sie hockte in Mutters Nachthemd vor dem Bücherregal im Flur, erhob sie sich, nickte mir zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und dehnte sich, die Arme weit über den Kopf ausgestreckt, um an die Bücher in den oberen Regalfächer heranzukommen. Ich machte sie nicht auf die kleine Trittleiter neben dem Regal aufmerksam.
Zur Mittagszeit hörte ich meine Mutter im Hausflur laut zetern und schimpfen, wie ich es von ihr noch nie zuvor gehört hatte. Es war Maries Vater, der sich eine Standpauke anhören musste. Marie hielt sich in der Küche lesend die Ohren zu, Vater verzog sich mit der Zeitung in die Wohnstube. Als meine stinksaure Mutter zurückkam, schlich sich Marie hoch.
Jeder in der Schule wusste vom nächtlichen Vorfall mit Maries Mutter. Ich bemerkte es an ihren Blicken. Manche pfiffen ihr nach, warfen ihr anzügliche Bemerkungen zu. Sie hielt es aus. Mich aber wühlte es auf.
Ein paar Tage später, während der Hofpause, sah ich Marie umringt von einer Gruppe älterer Schüler. Der bullige Liersch stand vor ihr, ganz dicht und schaute ihr in die Augen. Er hatte eine Hand auf ihre Taille gelegt, die nach und nach ein Stück höher rutschte. Marie rührte sich nicht und guckte ihn ebenso herausfordernd an. Liersch hatte mich oft schon zur Weißglut gebracht. Er war bekannt für seine Grobheit gegenüber jüngeren Schülern. Ich war mir sicher, wohin seine Hand auf Maries Taille wollte, rannte wie ein kleiner wilder Stier in die Gruppe hinein und warf den überraschten Liersch fast über den Haufen. Doch er stürzte nicht, nahm mich stattdessen in den Schwitzkasten und hob mich triumphierend aus. Ich strampelte wie ein hilfloser Käfer und wusste, dass er mich gleich ich auf den Boden schleudern und zertreten würde. Weil ich aber noch die Arme frei hatte, kam ich auf einen rettenden Einfall. Ich griff nach Lierschs Hosenbund, riss dessen Gürtel und Knöpfe auf, so dass dem dicken Liersch die Hose herunterrutschte. Die Mädchen kreischten vor Vergnügen, Liersch, der ja keinen Arm frei hatte, weil er meinen Kopf in seiner eisernen Armzange hielt, bekam einen roten Kopf. Und ließ mich los. Ich jedoch, statt fortzulaufen, nutzte seine Verlegenheit und drosch hemmungslos auf ihn ein, mit Füßen und Fäusten, wohin ich nur traf. Liersch, die Hose schon in den Kniekehlen, flog der Länge nach hin und alle lachten. Schließlich erreichte uns ein alarmierter Lehrer und beendete meinen tollkühnen Angriff. Ich suchte Maries Blick. Sie musterte mich verblüfft. Ich wusste, dass Liersch mir diese Blamage niemals verzeihen würde.
Noch am selben Nachmittag, bestand ich darauf, dass Marie, ich und alle anderen ein für alle Mal vor Lierschs rohen Übergriffen geschützt werden müssten. Wir saßen gemeinsam auf einem nach dem Krieg gesprengten und später begrünten Bunkerberge. Der Kiez lag wie ein unübersichtlicher Haufen rotbrauner Streichholzschachteln ausgebreitet vor uns, Marie schaute zu den vorbeiratternden Straßenbahnen runter, die in der Kurve wie kleine gelbe Schweinchen quiekten. Als ihr Quietschen vorüber hatte ich eine Idee.
Ich fragte Marie nach der Mädchentoilette neben der Schulaula. Ich hatte beobachtet, dass sich dort ältere Mädchen öfter mit älteren Jungen trafen und dass auch Liersch zu ihnen gehörte. Marie wollte nicht darüber sprechen, aber schließlich rückte sie damit raus, dass einige Mädchen für Geld erlaubten, sie an den Brüsten anzufassen. Auch Liersch.
Den Rest erledigten meine Eltern, die ich anbettelte, das Geschäft auf der Mädchentoilette nicht an die große Glocke zu hängen. Es ging einzig darum, Liersch in die Schranken zu weisen und Marie vor ihm zu schützen.
Mein Plan ging eine Woche später auf. Es regnete fürchterlich als Liersch herausgeputzt und mit einem erlesenen Blumenstrauß im Drogerie-Laden meiner Eltern erschien. Er wollte Marie sprechen. Ich musste Liersch auf Anweisung meines Vaters hochbringen zu meiner Mutter, die mit Marie im Wohnzimmer saß und mit ihr am Klavier Tonleitern übte.
Als meine Mutter die Wohnzimmertür wieder öffnete, sah ich Liersch verloren in der Mitte der Stube stehen, Marie thronte vor ihm im Sessel, die Blumen auf dem Schoß. Die Türklinke in der Hand machte meine Mutter Liersch ein Kompliment über sein unerwartetes reifes Benehmen gegenüber jungen Frauen, die er mit seiner überzeugenden Entschuldigung Marie gegenüber zeigte. Dann zog Liersch ab. Mich ignorierte er.
Als Liersch wieder raus war, bestand Marie vehement darauf, zu erfahren, was Liersch zu dieser ungewöhnlichen Reue veranlasst hatte. Meine Mutter eierte ziemlich rum und deutete an, dass sie gegen Lierschs Vater etwas in der Hand hätten, der im Wasser- und Sanitär-Bereich arbeitete und manchmal mit Nachbarinnen anbändelte.
Ich erinnere mich vor allem an eines: Als ich Liersch durch die Wohnzimmertür so reumütig und gutgekleidet vor Marie stehen sah, meinte ich ein Lächeln bei ihr zu erkennen, wie ich es bei ihr noch nie gesehen hatte. Und spürte einen ganz neuartigen, feinen Stich in der Magengrube.
Eigenartig war, dass mir Liersch seine Blamage nie heimzahlte.