Als ich entschied, endlich aufzugeben…

Ich weiß nicht genau, warum ich ihn immer wieder anrief. Es war einer jener unerträglichen Spätherbstnächte. Die Abendstunden vergingen nicht, sie blubberten schwerflüssig durch meine Adern. Ich hatte mich nach einem belanglosen Film in eine Bar gesetzt, ich wollte den Moment des einsamen Zubettgehens noch herauszögern. Mir war klar, wenn ich die Bettdecke über den Kopf zog, brach der Nachthimmel über mich zusammen. Ich trank den dritten Cocktail, prostete mir im Spiegel zu und hörte meinen Nachbarn zwei Hocker weiter zu. Wir waren die einzigen Gäste. Mühsam, mit einem starken, deutschen Akzent redete er Englisch auf den Barkeeper ein. Vielleicht, wer weiß, nahm er hier mehrmals in der Woche gegen ein paar Drinks und Trinkgeld Konversationsstunden. Der Barkeeper war Amerikaner und äußerst höflich. Und obgleich man seinen Antworten anmerkte, dass er nicht viel Lust hatte und sein Deutsch gut genug war, den Mann abzuwimmeln ohne ihn zu verbittern, antwortete er geduldig auf Englisch. Mein Zwei-Hocker-weiter-Nachbar war um die fünfzig, leicht aufgeschwemmt, trug ein zerknittertes Hemd, zerkratzte Schuhe, das Jackett hing schief über der kurzen Stahllehne des Barhockers. Er war frisch rasiert, genau das passte nicht zu ihm. Ich bekam für ihn einfach keine passende Geschichte zusammen. 

Gegen elf ging ich aus Klo, hielt ich den Kopf unter die Wasserleitung hielt und suchte ich seine Telefonnummer heraus. 
„Gern“, sagte er.
„Und wann?“
„In einer dreiviertel Stunde.“
„Gut“, antwortete er, und wir legten auf.

Meine finanzielle Situation war damals nicht gerade rosig. Ich fand niemanden mehr, für den ich etwas schreiben konnte. Ich hatte das letzte Jahr davon gelebt, ein paar faulen, legasthenischen Kunststudenten ihre Diplomarbeiten zu schreiben, einer von ihnen ließ sich richtig melken, ein paar jungen Filmautoren half ich ebenfalls aus der Patsche. Ich las ihre Drehbücher, diskutierte mit ihnen Abende lang ihre dünnen Storys durch, fraß mich auf ihre Rechnung satt und ließ mir Cocktails spendieren. Sie waren eigentlich immer zufrieden und bezahlten die Rechnung. Wenn ich ihnen eine Szene schrieb, waren sie’s nicht. Ich ließ es bald sein und spezialisierte mich auf scharfsinnige Analysen und Vorschläge, die sie ziemlich beeindruckten. Und wenn sie dann mit ihrem Buch und meiner bescheidenen Hilfe bei einer Firma Erfolg hatten, flatterte ein kleines Erfolgs-Honorar herein. Immerhin brachten die Jungs mich dazu, mir einzugestehen, dass ich selbst nur ein mittelmäßiger Filmautor war und davon besser die Finger lassen sollte. 

Aber jetzt war bereits alles vorbei. Ich musste zu einer Entscheidung kommen. Es sah ganz danach aus, sich eine neue Arbeit zu suchen. Mit diesem Tingeltangel aufzuhören und ein seriöses Leben zu beginnen.

Der kühle Herbstwind verpasste mir genau den Stoß Nüchternheit, der einen Schritt zu weit geht. Die Straße war nicht sehr belebt. Das Laternenlicht lag, gebrochen durch die Linden, in gelben ungleichmäßigen Flecken auf den parkenden Blechschlagen. Ein paar Ecken weiter wurden die Straßen noch dunkler. Ich stieß mit einem Paar in Trainingsanzug zusammen. Ganz plötzlich als die Scheinwerfer eines der parkenden Wagen aufleuchteten. Beide rauchten, der Mann hatte in der anderen Hand eine Leine. Ich hätte das winzige Hundchen, das sein Beinchen an einen der Baumstämme streckte, beim Ausweichen beinahe zertreten. Ein Käfer, der wie ein Ferkelchen quiekte. Hinter mir zischte die Leine durch die Luft, die Frau schrie erschrocken und besorgt auf, der Mann blökte mich an. Nicht mal ihre Gesichter konnte ich sehen. Das Licht ging uns nur bis an die Hüften. Ich sagte, es täte mir leid und ging taumelnd weiter.

Er hielt die Tür auf. Vermutlich wiedermal seit Monaten hatte er nicht aufgeräumt. Wenigstens hielt er die Luft rein, die Fenster waren aufgerissen. Er war der schlampigste Mensch, den ich kannte. Für eine Putzfrau hätte sein Geld gereicht, er hatte eine gute Anstellung als Bibliothekar, aber er fühlte sich wohl in seinem Müllhaufen. Seine Tochter hatte zweimal jemanden eingestellt, aber er ekelte beide heraus. Schließlich überlistete sie ihn, als er im Sommer für ein paar Tage zu einem altem Studienfreund aufs Land fuhr und ein paar Nächte mit ihm durchsoff. An diesen Tagen schickte sie eine Reinigungsfirma in seinen Stall. Als er zurückkam, bekam er einen Wutausbruch, er rief seine Tochter an, hielt den Telefonhörer in die Stube und warf Tassen, Teller und Töpfe an die Wand. Im Grunde, sagte er, war seine Ex-Frau an allem Schuld. Dass er an einem Freitag im Mai 1966 die Wohnung verließ und sich in eine Kneipe verdrückte, die er nie zuvor besuchte. Das gehörte seiner Meinung nach nicht in das Reich der Notwendigkeit, sondern in das des Zufalls. Seine Frau war im achten Monat schwanger und putzte das winzige Einzimmer-Nest, dass sie erst vor vier Monaten bezogen hatten. Sie war unvermeidlich an seinen Schreibtisch geraten, hatte unter dem Tisch die mit Fettflecken von Margarinefingern übersäten Blätter fortgeworfen. Ein ganzes Kapitel, behauptete er. Da war sonst nichts drauf, hielt sie hartnäckig dagegen. Er warf die Tür. So hatte sie den Zufall heraufbeschworen, der seine Neigung ins Tageslicht zog und die ihn heute mit Einsamkeit quittiert wird.  

Er hat die Diplomarbeit dennoch pünktlich abgeben und die Prüfung mit Auszeichnung bestanden. 

„Du musst dich ernsthaft hüten,“ sagte er, „Gewohnheiten, die du mit anderen Menschen hast, aufzugeben. Du musst die Gewohnheiten schützen. Die Einsamkeit ist ein Virus, das jede Gelegenheit nutzt, aufzuspringen. Und dann kriegst du es nicht mehr aus deiner Seele.“ 

Ich konnte ihm nicht beipflichten. Ich glaube nämlich bis heute, dass Einsamkeit auf gar keinen Fall kein Virus ist, sondern ein genetischer Baustein unserer Seele. Irgendwo in den verschlungenen Spiralen unserer DNS-Struktur wird man eines Tages das Einsamkeits-Pixel finden. Und es wird einen bläulichen Ton haben. Eher halte ich noch die Zweisamkeit für einen Virus. Nicht die Geselligkeit, sondern die Zweisamkeit.

Aber seine Lobreden auf die Gewohnheiten hatten einen tieferen Grund. 
„Weißt du, ich würde ein Jahrzehnt meines Lebens drauf geben, wenn ich damals zu Hause geblieben wäre.“ 
„Blödsinn. Er hat in der Kneipe auf dich gewartet. Und wenn nicht er, dann ein anderer.“ 
„Nein. Du hast immer die Wahl, immer. Es ist wie beim Würfelspiel. Aber du hast nur zwei Zahlen. Die eine heißt Neigung, die andere Weg. Du würfelst Weg und gehst einen Schritt vorwärts. Du würfelst Neigung, dann setzt du aus. Und so gehst du voran. Und wenn du rausfliegst, dann fängst du wieder von vorn an. Deine Neigungen haben nichts mit deinem Weg zu tun. Merk dir das, mein Junge.“
„Schön, und woran erkennt man den Unterschied?“

Das war vor sieben Jahren und die Entgegensetzung klang mir damals natürlich viel zu simpel. Aber für manche Menschen gilt das wohl, vielleicht sogar für mich. Jedenfalls galt es für ihn, und das will ich ihm nicht ausreden. Wozu auch. Es ist sein Leben. Und er weiß selbst am besten, was schief gelaufen ist.

Ich ließ die Jacke an und er führte mich durch Flaschen, Wäsche und Zeitungen, er las keine Bücher mehr, sondern nur noch Zeitungen, und bat mich aufs Sofa. Er hatte kein Licht gemacht. Das Licht einer Laterne, die direkt unter dem geöffneten Fenster stand, tauchte das Sofa, auf das er mich setzte, und den Müll zu meinen Füßen in einen schwachen Orange-Schimmer. Durch den geöffneten Fensterflügel blieb der Rest des Zimmers schemenhaft im Dunkeln. Er ging Teewasser aufbrühen, ich musste ihm versprechen, alles so zu lassen, wie er es im Zimmer verteilt hatte. Ich war mir nicht ganz sicher, ob er nüchtern war, schließlich hatte ich nie heimlich bei ihm aufgeräumt, bis mir aufging, wie die Bemerkung zu verstehen war: Seine Tochter saß im Halbdunkeln auf einem Sessel, vom Tee neben ihr auf dem Tisch stieg ein Wölkchen Dampf hoch. Sie winkte mir kurz zu aus dem Handgelenk zu. Ich erkannte sie allein an dieser Geste. 

„So lässt es sich aushalten“, sagte sie die Tee geräuschvoll schlürfend.

Ich stand auf und schob den Fensterflügel weiter auf und setzte mich wieder. Licht fiel nun auch auf ihr Gesicht, es schien mir schmaler geworden. Ihr Haar aber war beträchtlich länger geworden. Wir hatten uns zuvor nicht sehr oft gesehen, doch diesmal musste es sehr lange her gewesen sein. Sie oder ich waren gewöhnlich im Aufbruch, wenn wir uns hier begegneten. Diesmal schien sie Zeit zu haben. Eine ungewöhnliche Stunde dachte ich, bei einem Vater zu sitzen. Sie hatte wohl ein eigenes Problem mitgebracht.

„Sieht fast schön aus. Das Licht. Am Boden.“ Sie schob den Fensterflügel zurück. 

Ich raschelte mit den Füßen in irgendwelchen Zeitungsfetzen. Sie lachte leise.
„Störe ich?“, fragte ich.
„Nein.“
„Du kannst es ruhig sagen. Ich trinke den Tee und haue dann ab.“
„Nein, nein.“
„Und du bist auch nicht gerade wieder im Aufbruch?“

Sie zog an ihrer Zigarette, deren glühende Spitze für ein paar Sekunden ihr Gesicht aufleuchten ließ und lächelte. Ihr Vater kam herein, stellte die Teekanne und eine neue Tasse für mich auf den Tisch, goss ein, reichte sie mir und versank in einen ebenfalls nur konturenhaft zu erkennenden Sessel. Ich saß auf meinem Sofa wie auf einer Bühne. Wie ein Schauspieler, der zu spät zur Solovorführung kommt und der doch noch auf ein paar hängengebliebene Gäste trifft, die sich, lustlos aufzubrechen, der Teufel weiß – wie, die Zeit vertrieben hatten. 

Er war es, der sich zu mir setzte und der mich ansprach, in einer Kneipe, als ich mit einem Bier niedergeschlagen an einem der abgewetzten Tische saß. Das Geld war wieder knapp geworden und ich schmiedete Pläne, die realistisch bleiben sollten, um schnell aus dem Tief herauszukommen. An solchen Abenden zwang ich mich zu Disziplin und Vernunft. Doch schon damals hatte ich das Gefühl, dass ich nur etwas Unvermeidliches vor mir herschob. Eine Entscheidung. Im Grunde war dieser freie Beruf nicht das richtige für mich. Weil ich nicht der richtige dafür war. Aber ich übte ihn trotzdem aus. Ich mochte das Bild von mir selbst, das mir der Beruf gab. Frei, nur sich selbst verpflichtet. 

„Was treibt dich her?“, fragte er.
„Keine Ahnung.“ 
„Wieder Angst, die Bettdecke über den Kopf zu ziehen?“

Das Blei geronn mir in den Beinen, er hatte früher nie diese Frage gestellt. Vielleicht stellte er die Frage auch für sie, ich weiß es nicht. Ich sah ihre großen, dunklen Augen auf mich gerichtet, dann drückte sie die Zigarette aus. Sie zündete sich die ganze Zeit, die wir noch blieben, keine mehr an. Auch sagte sie kein einziges Wort mehr. Deshalb blieb mir ihr einziger Satz in Erinnerung. „So lässt es sich aushalten.“

Wir saßen und schwiegen, ich war ihr dankbar, dass sie kein Gespräch anfing, und ihm, dass er nicht weiter vor ihr enthüllte, wie es um mich oder um sie bestellt war. Ich trank Tee und spürte, wie sich auch meine Lippen mit Blei füllten. Ich hörte seine Zigarette knistern, wie er laut ausatmete, die Asche auf einen Teller abklopfte. Von ihr war weder etwas zu sehen, noch zu hören. Ich setzte mich um, ich wusste, das neben dem Bücherregal noch ein dritter Sessel war, streckte die Beine aus. Das Bühnensofa stand nun leer im Orange des Laternenlichts. Und ich war jetzt auch ein Zuschauer, der darauf wartete, ob noch was passiert. Oder eben nicht.

Wir hatten einmal miteinander geschlafen. Nur einmal. Gleich das erste Mal. Dann nie wieder. Sein Körper verfiel damals schon stark. Er sagte, dass man entweder pervers sein oder ihn wirklich lieben musste, um mit seinem aufgequollenen, grauen Leib ins Bett zu gehen. Vielleicht rührte mich seine Traurigkeit, mit der dieser Mann von seinem Körper Abschied nahm, obwohl er noch ein paar Jahrzehnte mit ihm gemeinsam vor sich hatte. Vielleicht wollte ich ihm beweisen, dass es auch ohne Liebe ging. Vielleicht war es aber auch jenes unbestimmte kalte Begehren, das immer dann kam, wenn es mir schlecht ging, wenn ich Angst hatte und das von einem heftigen Ziehen in der Magengrube begleitet war. Ich kann nicht sagen, wem dieses Begehren wirklich galt. Es galt nicht den Frauen, zu denen ich ging und die ich bezahlte. Ich hatte nie Lust. Genau das wurde mir damals unheimlich. Ich schien mich mehr nach der Kälte und Sachlichkeit dieser doch so intimen Begegnungen zu sehnen. Stundenlang liefen hinterher, wie in Zeitlupe, die kleinen, kalkulierten Gesten, Worte und Geräusche an mir vorbei. Ich lag dann, wieder zu Hause, gewöhnlich mit eingefrorenem Gesicht auf dem Rücken und genoss die Erinnerung. Das machte mich gesund. 

Ich hatte auch am jenem Abend, als er sich zu mir setzte, dieses Ziehen im Bauch. Vielleicht ging ich deshalb mit ihm mit, aus Sehnsucht nach der Kälte, die ich aufbringen musste, um mich nackt und erregt einem Menschen zu zeigen. Vielleicht konnte ich ihn berühren, weil es mir nicht nur nichts bedeutete, sondern weil ich es ich als hässlich und abstoßend empfand und er obendrein ein Mann war und keine Frau. 

Diese schleichende Kälte im Bett mit anderen Menschen, das weiß ich heute, hatte sich, kurz bevor ich ihm damals begegnete, begonnen auszubreiten. Mir war längst aufgefallen, dass entgegen der herkömmlichen Meinung von einem Dreißigjährigen, mein Begehren nach Frauen auf den Nullpunkt gesunken war. Ich war ziemlich viel allein. Und auch wenn ich es darauf abgesehen hätte, von den Frauen, die ich kannte, gab es keine, die mit mir ins Bett gehen würde. Meine Unlust war keine Impotenz. Ein Impotenter würde gern, kann aber nicht. Ich aber hatte keine Lust, also gar kein Problem. Ich zählte mich so nicht zu den Impotenten, sondern zu den frigiden Männern. Aber selbst das war falsch. Denn das Urteil galt nur, solange es ein Problem gab. Und das gab es nicht. So schaute ich ohne Neid, ohne Lust und ohne Erinnerung auf jene, welche sich liebten. Tastsinn kann man nicht erinnern, ich kann es nicht, aber Bilder an Sex kann man erinnern. Doch selbst diese halfen mir nicht, sie waren nichts weiter als bedeutungslose Farbflächen in Licht und Schatten, und erzeugten kein Begehren mehr. 

Nicht, dass man mich falsch versteht, nichts zu begehren, ist kein Grund zu feiern, dieser Zustand ist ganz bestimmt nicht beneidenswert, er ist lästig und unangenehm. Aber ich konnte bei vollstem Bewusstsein nichts dagegen machen. Außer warten.

Im Grunde hat sich bis heute daran nichts geändert. Jetzt, da ich einen anderen Beruf habe, genug Geld, eine Frau und Kinder. Jetzt, da es mir gut geht und all die Ängste, die mich damals plagten, fort sind. Jetzt, da ich vierzig werde, ist alles auf eine ganz andere Art vielleicht nur noch schlimmer geworden.

Ich konnte sie von meinem neuen Platz aus etwas besser sehen, den Umriss ihres Kopfes, ihr schulterlanges Haar. Es schien mir, dass sie zu mir herüberschaute. Ich weiß nicht, wie viel sie von mir sah. Er war eingeschlafen, ein leises, regelmäßiges Schnaufen erklang aus seiner Richtung. 

Das Zimmer war kaltgeworden. Wir saßen wohl fünf Minuten schweigend bei dem alten, schlafenden Mann, mein Blick hatte sich am Fenster festgehakt und ich versuchte die gegenüberliegende Häuserwand zu erkennen. Das breite, dreigliedrige Fenster gegenüber war schwarz und ich meinte hin und wieder eine Tür, vermutlich zum Flur hin, auf- und zugehen zu sehen, denn ein schwacher Lichtschein beleuchtete kurz das Innere des Zimmers. Dann hörte ich eine Bewegung, sie hatte den Arm ausgestreckt und machte Licht auf dem Schreibtisch. Ich sah, dass sie ihren Mantel auch nicht ausgezogen hatte und war vielleicht geblieben, weil ich gekommen war. Ihr Blick wanderte ruhig im Raum umher, so als suchte sie etwas. Schließlich blieben ihre dunklen Augen bei mir stehen und ruckten zur Rücklehne. Ich begriff, zog die Decke hinter meinem Rücken hervor, stand auf, entfaltete sie und deckte ihn, der nur eine Joppe über dem Pullover trug, damit zu. Sie war indessen ebenfalls aufgestanden, stand neben mir und zog die Decke über seinen Hals.

Obwohl er ein aufgequollenes Gesicht hatte, erkannte ich doch ihre Ähnlichkeit, sie hatten beide eine hohe Stirn und die gedrungene kurze Nase. Ihre Wimpern waren ungewöhnlich lang, und wie groß mir die Augenlider erschienen! Ihre Daumen waren zu kurz geraten. Wie seine. Als ich sie sah, zog es unangenehm im Magen. Sie strich ihrem schlafenden Vater übers Haar, knöpfte den Mantel vollständig zu und sah mich an, als wäre es ein verabredetes Zeichen, aufzubrechen. Ich nickte. Sie ging voran, blieb vor dem Schlafzimmer stehen. Ich wusste, wie es dort aussah und war sicher, dass er seit Wochen nicht mehr in seinem Bett geschlafen hatte, sondern im Sessel. Sie tippte die Tür an, sie öffnete sich. Das Fenster zum Hof war offen, die Belüftungsschächte des anliegenden Kinos brummten. Sie blieb lange stehen, zu lange. Sagte nichts. Lange vor mir konnte sie nicht gekommen sein, dachte ich. Sie musste schnurstracks ins Wohnzimmer gegangen und seitdem nicht mehr von ihrem Sessel hochgekommen sein. Dann drehte sie sich zu mir, ihr Blick fragte, ob wir gehen könnten. Ich musste lächeln. Als wäre es ein gewohntes Ritual und wir ein Paar. 

Sie lief rasch die Treppe hinunter. Ihr Körper im Mantel schien schmal und hart, stieß an der Taille und der Schulter an den groben Stoff. Die Lichtanlage tuckerte laut. Vorbei an abgewetzten, rotbraunen Türen. Der Hausflur war von Wasserflecken übersät und roch muffig. Ich überholte sie und hielt ihr die Haustür auf. Wieder sah ich im gegenüberliegenden Haus den Lichtschein hinter den dunklen Fenster. Das Zimmer hatte einen Stuck.
„Bist du mit Auto?“, fragte sie.
„Ich hab keins.“
„Dann bring ich dich.“

Wir stiegen in ihren Wagen, sie fragte, wohin ich wolle. Ich zögerte und zeigte dann mit dem Finger in eine Richtung. Sie lachte. Wahrscheinlich merkte sie, dass ich nicht nach Hause wollte.

„Fahr einfach zehn Minuten.“, sagte ich und zeigte in die nächste Straße.

Laternenlicht und Leuchtreklamen zogen die Motorhaube und die Frontscheibe hinauf über unsere Gesichter. Es war kaum Verkehr. An einer Kreuzung mussten wir halten. Ich streckte die Hände hoch, sie leuchteten Rot und Blau. Sie fuhr langsam an. Ich nahm die Hände nicht herunter. Nach zehn Minuten ließ ich sie irgendwo halten. Ich stieg aus. Zwei Minuten später, ich war eine Straße weiter, hupte sie neben mir. 

Ihre Wohnung lag im zehnten Stock eines Hochhauses. Sie zog sich unheimlich schnell aus, bis sie nackt vor mir stand und ich noch in meiner Jacke. Diese enorme Geschwindigkeit mit der sie mir bedeutete, dass sie mit mir ins Bett wollte erregte mich, vermischt mit demGefühl des Geschmeicheltseins, dass eine Frau Lust auf mich hatte, denn das hatte ich nicht mehr nur für unmöglich gehalten, sondern es war mir auch egal geworden. 

Wir drangen schnell ineinander, aber es dauerte lange, bis ich zum Höhepunkt kam. Sie wurde irgendwann unruhig. Mein Ständer brannte. Hatte sie mich zuerst, als sie eine Pause machte, schnurrend für einen großartigen und geduldigen Liebhaber gehalten, spürte ich nun Unmut. Ich wusste, sie würde es missverstehen, wenn ich nicht bald meinen Höhepunkt bekam. Entwürdigung durch Unlust. Sie begriff wohl verwundert zum erstenmal in ihrem Leben, dass ein Mann eine mächtigen Steifen haben kann und trotzdem nicht scharf darauf ist zu vögeln. Das galt nicht für mich in diesem Moment, ich war glücklich; aber sie schlussfolgerte es vermutlich – und im Allgemeinen war das ja nicht falsch. Um die Sache zu beenden, konzentrierte ich mich auf sie, tastete ihre Hüften ab, versuchte ihre Gestalt und ihr Gesicht im Halbdunkel zu erkennen, von dem ich hoffte, dass es vor Lust verzerrt war, lauschte ihrem raschen Atem, beobachtete ihre heftigen Bewegungen, die immerhin ihre Erregung ausdrückten, und die ich – ganz gleich, wie wenig wir uns kannten – auch mitverursachte, selbst wenn sie mich und ich sie bald vergessen würde. Und kam. Nicht viel, dass wusste ich. Sie lag im eigenen Haar und ihre kleine Bauchfalte ging hoch und runter.

Ich fühlte mich wieder gut. Damals. Ich wollte nicht mit ihr frühstücken. Ich wollte keinen Zettel schreiben. Der Himmel draußen graute auf. Ich freute mich auf die ernüchternde Kälte, die mir entgegenschlagen würde, wenn ich unten die Haustür aufzog. Aber ich blieb liegen. Es stimmte nicht. Es tat mir gut, für ein paar Stunden neben einer Frau in einer Entfernung von weniger als einem halben Meter zu liegen.

Wir rauchten im Bett und sprachen ein wenig. Sie war Anlagenberaterin in einer Bank und hatte einige Jahre im Ausland mit einem Mann gelebt. Sie war neugieriger als ich. Ich spürte selbst wie wenig interessiert ich war, etwas über sie zu erfahren. Aber wie hätte ein Mensch sein sollen, damit ich ihm Fragen stellte? Mich interessierten nicht einmal ihre Fragen zu meinem Leben. Früher waren sie Anstoß zu weitschweifigen Protzereien. Sie spürte meine Lustlosigkeit zu reden. Sie schaltete den Fernseher an. Wir rauchten ihre letzten Zigaretten und sahen die Morgennachrichten. Als wir ihre Schachtel aufgeraucht hatten, stand sie auf und machte Frühstück. Die Küche erzitterte als der Morgenverkehr begann. Sie musste gehen. Als ich mich wieder ins Bett legte war es hell. Es gelang mir, von ihr zu träumen.

An jenem Morgen beschloss ich aufzugeben. Ich wollte, dass der Himmel nicht mehr über mich zusammenbrach, am Abend, wenn ich die Decke über den Kopf zog. Ich wollte diesen Kampf nicht mehr kämpfen. Ich wollte nicht mehr gegen meine Neigungen würfeln. Ich wollte mich treiben lassen, egal, wohin der Weg mich führte.