Der Unterschied

In Allgemein

Als sie zum Rauchen hinausging, sah sie ihn mit Florence zusammenstehen und schnappte diesen Satz von ihr auf: 
„Sie beide wirken immer so harmonisch.“ 

Ihr war Florence schon öfter begegnet, flüchtig, aber aufgefallen war sie ihr schon. Der Ausdruck von Florences Gesichts wirkte eigentümlich neutral und in ihren Worten lag eine unheimliche Glätte und Präzision, dass es schwer war einen Scherz anzubringen. Ja natürlich, sie fand auch, dass Florence eine schöne Frau war. Dicke, lange Haare, ungeheuer pechschwarz, wie das Gefieder eines Raben. Goldbraune Haut, dunkle Augen, eine kräftige, dominante Nase und aufgesprungene, sinnliche Lippen. Auch war ihr aufgefallen, dass Florence Kleidung trug, die wie ihr Haar schwarz war, mit einem pfeffrigen Grau oder Grün kombiniert. Und – Florence war mindestens fünfzehn Jahre jünger als sie und er. 

Nach der Premiere fand die Feier im Zuschauerraum statt, wo sie Florence mit ihm zusammenstehen sah, nicht auffällig lange, aber doch so lange, dass es ihr auffiel. Sie wusste von ihm, dass Florence eine 11-jährige Tochter hatte und allein lebte, und dass sie vor zwei Jahren einen schweren Absturz hatte, und kurz davor stand, wenn die Tochter nicht gewesen wäre, sich umzubringen. Die rabenschwarzen Tage, wie er sie zitierte, wollte sie nie wieder erleben. Es wunderte sie sich nicht, dass er das von Florence erfahren hatte. Es war seine Spezialität, Leute, vor allem Frauen zum Sprechen zu bringen. Und er hatte es ihr auf eine solch ausdrücklich unverdächtige Art gesagt, dass sie unruhig wurde.

Als sie vom Rauchen zurückkam standen die beiden noch immer zusammen. Sie stellte sich zu den beiden und streckte die Hand nach ihm aus, strich ihm über das schneeweiße Hemd und strahlte mit einer gewissen inneren Anstrengung Florence an, die freundlich nickte und mit einer tiefen, sauber artikulierenden Stimme zu ihr sprach: 
„Ich hatte vorhin gesagt, Sie beide wirken immer so harmonisch, wenn man Sie sieht.“
„O Danke“, erwiderte sie und zeigte auf ihn, der nicht verriet, ob er sich gestört fühlte. „Was hat er denn dazu gesagt?“
Er hat gesagt“, antwortete er spöttisch, „dass wir sehr viel Wert darauf legen uns gegenseitig zu sagen, was jedem wichtig ist.“
„Unabhängig davon, was der andere will“, ergänzte sie mit einem Hauch zu viel Bekräftigung.
„Genau so.“ Er nickte undurchsichtig und wendete den Blick zu Florence. 
„Auf dieser Grundlage handeln wir dann aus, wer wann wem welche Zugeständnisse macht“, flötete sie.
„Zugeständnisse?“ Florence wirkte einen Moment irritiert.
„Das ist sehr wichtig!“ Sie nestelte an seinen kleinen, niedlichen Hemdknöpfen herum. „Damit wir auch mal gemeinsame Dinge finden. Und nicht immerzu voneinander erfahren, was wir nicht miteinander machen wollen.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn flüchtig. Weder wehrte er sie ab, noch erwiderte er ihren Kuss.
„Nicht miteinander?“ hörte sie Florence sachlich fragen.
„Na ja, zum Beispiel… Er will das Wochenende zu Hause verbringen. Sie müssen wissen, er ist sehr häuslich. Lesen, fernsehen, kochen, aufräumen, im Garten arbeiten. Er ist sehr genügsam.“

„Klingt wie `ne Kleinanzeige“, bemerkte er. „Vermiete meinen Partner am Wochenende an häusliche Damen.“ 
Florence verzog keine Miene.
Sie kicherte. „Ja, ich… Ich möchte eben gern ausgehen!“ 
„Was sie sehr oft will. Leute besuchen. Und mich dabei haben.“ Sein Tonfall klang plötzlich sehr neutral, so als hätte er sich dem von Florence angepasst.
Sie klatschte lebhaft in die Hände und schaute Florence fröhlich an. „Was meinen Sie, wie das ausgeht?“
„Ich weiß nicht? Sie machen es abwechselnd mal so und mal so?“
„Genau! Und das ist schon das ganze Geheimnis unserer – Harmonie.“

„Es hat etwas Krämerhaftes, nicht wahr?“ fragte er.
„Nein, nein. Ich finde es gut so“, hörte sie Florence sagen.
„Aber dass wir uns auch mal wie die Raben streiten… hast du das auch erzählt?“ Sie schlang ihre Hand um seine Taille.
„Aber ja.“
„Klingt das harmonisch?“ fragte sie aufmüpfig Florence.
„Er hat mir berichtet, dass sie eine schwierige Phase durchmachen mussten, um das zu lernen. Ich bewundere, dass Sie das geschafft haben.“

Das waren sie, diese glatten Worte von Florence, an denen sie abrutschte. Worte ohne Türklinken, ohne Schlüsselloch. Sie dachte darüber nach ob sie vielleicht auch auf einen neutralen Ton umschalten sollte. Da bemerkte sie seinen Blick, der auf Florence ruhte. Sie kannte diesen Blick. Vor zehn Jahren, als sie sich kennen lernten, hatte er auf ihrem Gesicht gelegen.
„Hat er Ihnen das verraten…“, sie spürte, dass ihre eigene Stimme plötzlich gereizt klang. „Harmonie… das scheint Sie sehr zu beschäftigen“, beeilte sie sich Florence zu sagen.
„Ja. Ich finde es ist sehr selten, dass Menschen zusammen passen“, antwortete Florence.

„Sie meinen also, wir würden gut zusammen passen?“ Sie wedelte mit dem Zeigeringer zwischen sich und ihm hin und her.
„Ja. Auf mich wirken Sie so. Sie nehmen einander an wie Sie sind.“
Sie fand, dass in Florences Worten irgendetwas Grausames lag. Aber es war schwer zu widersprechen. Sie schaute in dieses reglose, gleichförmige Gesicht, das so schön aussah und an dem sie fast verzweifelte. 
„Nein“, wandte sie sich an ihn, „…nicht harmonisch! Vielleicht meint sie eher, dass wir friedfertig wirken?“
„Sie wirken sehr freundlich zueinander.“ Florences Gesicht erschien ihr plötzlich hart und erstarrt. 
Sie schlug die Augen nieder. „Das stimmt“, seufzte sie. „Wir werfen uns bei aller Verschiedenheit nicht vor, dass wir verschieden sind.“
„Nein, das tun wir nicht.“ Er pflichte ihr ruhig bei und musterte dabei Florence. Mit diesem Blick.
„Aber wir betonen es.“
„Sie betonen es?“ 
„Ja! Er betont stets: Er sei sehr gern allein. Und von mir meint er, dass ich es ohne Gesellschaft nur schwer aushalte.“
„Erlauben Sie? Sie haben Kinder?“

Irritiert über den Themenwechsel schaute sie Florence und wischte mit der Hand durch die Luft.
„Ja-a.“„Jeder hat seine eigenen Kinder“, ergänzte er trocken 
„Sie sind groß. Aus dem Haus. In der Welt. So gut wie“, fasste sie zusammen.
„Haben Sie daran gedacht gemeinsame Kinder zu haben?“
„Doch. Schon. Aber seit ein paar Jahren ist es zu spät“, sagte er. 

Seine Auskunftsfreude versetzte ihr einen kleinen Stich. „Der Zug ist abgefahren. C’est la vie! Bei mir. Bei ihm nicht.“ Sie sah wie er sich lächelnd an Florence wandte.
„Und Sie? Wie ist das bei Ihnen. Sie sind doch noch keine vierzig?“
Sie sah Florence nicken. Doch ihr Gesicht zeigt keine Regung. 
„Ich wollte früher ein paar mehr Kinder als nur meine Tochter.“
„Und jetzt?“
„Ich habe damit abgeschlossen, nur meine Tochter zu haben – und sie als Einzelkind aufwachsen sehen zu müssen.“

Die Sachlichkeit von Florences Worten ließ sie erschaudern. Es ist, dachte sie empört, als würde Florence nicht fühlen, was sie sagt. Sie suchte nach einer ironischen Entgegnung. Doch sie wusste von ihm, dass es um Florence Beziehungsleben eigentlich noch viel schlimmer stand. Der Vater ihrer Tochter hatte sich noch vor der Geburt aus dem Staub gemacht. Und die Männer danach… Sie sah ihn an.
Und da war er wieder: Sein sanfter, eindringlicher Blick, der auf Florence ruhte.

Sie sprach zu Florence, doch von ihr abgewendet und schaute zu ihm hoch. „Meinen Sie, dass man für eine dauerhafte harmonische Beziehung unbedingt eigene Kinder braucht?“ 
Florence schwieg. Sie drehte sich neugierig um, auf eine Antwort wartend. Doch Florence war fort. Sie meinte ein winziges schmerzhaftes Zucken in seinem Gesicht zu entdecken. Dann blickte er sie freundlich an. 

Leute räumten fröhlich schwatzend Stühle und Notenständer auf der Bühne zur Seite, um eine Tanzfläche zu schaffen. Einige der Musiker packten ihre Instrumente wieder aus und begannen zu spielen. Von Florence war nichts zu sehen. Sie war vermutlich gegangen.

Sie wusste, was jetzt kommen würde. Er würde sie zum Tanz auffordern, sie würden tanzen und sich wie zwei Duellanten umeinander drehen. Ihren „Unterschied“ betonen. Ihre verdammte „Autonomie“. Und irgendwann würde ein Funken aus der erlöschenden Glut entspringen und noch einer und noch einer und sie würden sich anfunkeln und die Leute würden denken: Was für ein interessantes, harmonisches Paar! Wie schön er sie ansieht! Wie selbstbewusst sie ihm begegnet! Und sie würden nachts miteinander schlafen. Wütend. Und sie würden die Lust herbeikämpfen am Widerstand des anderen. Und dann einschlafen. Und die Umarmung würde nicht lange anhalten. Und er würde an diese Frau denken… Und daran, dass sie sich umbringen wollte. Sie kannte ihn. Aber sie wollte nicht allein sein.