Die Tür (2013)

Warum er Marie zustimmte, sich den Weg aus ihrem Provinznest in die Stadt zu machen, schien ihm selbst nicht ganz einleuchtend. Jetzt bestand sie darauf. Gewöhnlich beendete er Beziehungen so, dass die Freundinnen von selbst darauf kamen und das Handtuch warfen. Er nahm an, Marie hätte das längst verstanden. 
Er holte sie vom Bahnhof ab. In einer schmutzigen, wackligen Straßenbahn quietschten sie über holprige Schienen durch den Nieselregen zur Wohnung. Er war irritiert, wie still und gefasst sie war.

Die zweiflüglige Wohnungstür war fast drei Meter hoch, aus schwerem Holz. Innen war ein feuerfestes Blech aufgeschraubt, so dass das Ding gut 15 Zentimeter dick war. Die Riegelbolzen des Standflügels waren schlecht arretiert. Unten gar nicht, und oben konnte man ihn herunterdrücken, wenn man mit einem Taschenmesser durch den Türspalt hindurch den Riegelbolzen erwischte. Dann ließen sich die Türflügel leicht aufdrücken.
Er lernte das recht schnell. Als Junge war er oft ohne Schlüssel unterwegs und die Eltern hörten die Klingel nicht, wenn sie vorm Fernseher im Wohnzimmer saßen, das am anderen Ende der fast fünfzehn Meter langen Diele lag, hinter einer kleinen Biege. 
Sonderbar war das zusätzlich angebrachte Sicherheitsschloss, dessen Schlüssel man in die falsche Richtung drehen musste, um es zu öffnen. Es hat nicht geholfen, den Einbruch zu verhindern, natürlich nicht. 

Zuerst wollte er es nicht glauben, doch der Schreck fuhr ihm in die Glieder: Die schweren Türflügel waren nur angelehnt. Er entdeckte eine winzige, zersplitterte Stelle, an die der Einbrecher am oberen Riegelbolzen sein Werkzeug angesetzt hatte. Der Schließkolben des Sicherheitsschlosses hatte unter dem Druck nachgegeben und war aus dem Türrahmen herausgebrochen. Marie schaute ihn erschrocken an. Er legte den Zeigerfinger auf ihre Lippen und lauschte. Nichts war zu hören, kein Geräusch drang aus der Wohnung. Er wollte vor Marie nicht feige wirken, lief rasch in die leeren Zimmer, ob sich dort jemand aufhalten würde, niemand war zu entdecken. Dann schob er die Tür zu seinem Zimmer auf.

Die Mutter hatte ihm mit leiser Stimme am knisternden Telefon gesagt, dass sein Vater zu einer jüngeren Frau mit Kind gezogen sei. 
Die Mutter hatte keine Lust die Wohnung zu behalten und bereits eine kleine Wohnung angemietet. Er müsse sich nun selbst um seine Sachen kümmern, sagte sie. Ausgerechnet jetzt, dachte er. Die letzten Jahre diente ihm sein Zimmer als Abstellraum für seine Besitztümer, die er zu seinen oft wechselnden Freundinnen nicht bereit war mitzunehmen. Und jetzt benötigte er den Übergangsort, da er mit Marie noch nicht fertig war und mit der „Neuen“ noch nicht so weit, um bei ihr einzuziehen. Natürlich hätte er die Wohnung auch selbst übernehmen können. Aber was sollte er mit dieser viel zu großen, baufälligen Gruft. 

Auf den ersten Blick schien nichts verschwunden. Die Möbel waren noch da, das Bett, der Kleiderschrank, der Sessel.
Doch dann entdeckte er, dass etwas fehlte. Die Gitarre und die Kunstbände. 
Ausgerechnet die rossbraune Gitarre, die er sich zulegte als er verliebt in eine langhaarige Mitschülerin davon träumte Musiker zu werden. Den Gitarrenunterricht hielt er nicht durch. 
Mit den faustdicken Kunstbänden war auch der Band mit Drucken von Zeichnungen alter italienischer Meister verschwunden. Als Kind hatte er Porträts und Körperfragmente in seine Schulhefte gekritzelt und später auf Bahnhöfen und vollgestopften Cafés damit weitergemacht. So satanisch detailgenau wie in diesem Band, wollte er selbst zeichnen können, als er ihn in einem Budapester Geschäft entdeckte. 

Marie musste sein leises Seufzen gehört haben, als er sich in den Ohrensessel seines Großvaters fallen ließ. Sie strich ihm übers Haar, küsste ihn tröstend, fragte nach der nächsten Telefonzelle, rief nach der Polizei. 
Tatsächlich erschien ein Kriminalbeamter mit einem Köfferchen. 
Sie standen vor der Tür, die auch den Beamten beeindruckte. Er fragte, wann er die Wohnung das letzte Mal verlassen hätte. Er war verlegen, weil er die letzten zwei Tage nicht hier verbracht hatte, sondern bei seiner Neuen. Er schaute zu Marie, die sich nichts anmerken ließ.
Der Beamte besichtigte die Wohnung, fragte, was fehlte, machte sich Notizen. Er tupfte Pulver auf einige Stellen der Tür, nahm mit Klebestreifen Fingerabdrücke. Sie erschienen ihm nicht sonderlich brauchbar, wie er meinte. 
Er klingelte bei den Nachbarn, die nichts bemerkt hatten. Viel Hoffnung machte er ihm nicht, weder auf eine baldige Aufklärung, noch auf das Wiederauffinden der verlorenen Gegenstände.
Machen Sie eine Liste, was fehlt, sagte er, melden Sie sich bei meiner Dienststelle, dort bekäme er eine Kopie des Protokolls, damit könne er zur Versicherung gehen, zeigte mit dem Stift etwas skeptisch auf die Riegelbolzen, das könnte Schwierigkeiten geben, wenn ein Versicherungsvertreter sich das nochmals anschaut, nicht sehr einbruchssicher. Setzen Sie die Verlustsumme nicht allzu hoch an, dann wird sie hier keiner von denen blicken lassen. Fort war der freundliche Beamte und die beiden standen allein in der Wohnung.

Marie nahm seine Hand und zog ihn in sein Zimmer, fragte, ob der Täter vielleicht aus dem Haus käme, weil er die Instabilität der Tür kannte. Er zuckte mit den Schultern. Während er ihr die Verlustliste diktierte, lag sie mit dem Bauch auf seinem Bett und schrieb. Irgendwann legte er sich auf sie, küsste ihren Nacken und sog ihren würzigen Geruch ein. 
Als er später mit ihr durch die Wohnung streifte, schienen sie den Einbruch schon fast vergessen zu haben. Sie staunte, lobte den Schnitt der Wohnung, machte Pläne, wie sie die Zimmer verteilen und ausstatten könnten. Jeder hätte ein eigenes Zimmer, für die Kinder wäre immer noch Platz. 
Er folgte ihr schweigend durch die Zimmer, betrachtete ihre schlanken Waden, die unter dem taillierten Herbstmantel hervor lugten. 
Am Nachmittag besorgte er ein neues Sicherheitsschloss, reparierte die Tür, schlüpfte am späten Abend in sein Bett, schmiegte sich an Maries Körper und fragte, ob sie nicht wissen wolle, wo er die letzten beiden Nächte verbrachte. Sie sagte nein. Irgendwann schlief sie in seinen Armen ein. Er achtete nicht mehr auf die Geräusche im Treppenhaus vor der Wohnungstür.