1
Wittke war vollkommen verschossen in eine Malerin, die nicht mehr malte, worüber er ziemlich ehrfürchtig philosophierte, was uns sehr belustigte.
„Sie glaubt nicht an höhere Inspiration“, verteidigte er sie, als er uns mit den Augen rollen sah, „sondern daran, dass nur das Leben wie man es lebt, nämlich so ungeschützt wie möglich, ihr das Zeug zum Malen verschafft.“
„So ungeschützt wie möglich“, grölten wir, „was heißt denn das?“
Er erzählte, dass sie zwei Jahre lang einem Peruaner nachgereist war, allein durch die ganze Welt – aus Liebe.
„Und seitdem sie dich kennt, hat sie aufgehört zu malen“, feixten wir.
„So wie sie über ihre Schaffenskrise sprach…“, erklärte er, „musste ich mich in sie verlieben.“
Ich glaubte das sofort. Wittke war schon immer von Frauen magisch angezogen, die in Krisen steckten.
Wir stießen klirrend mit unserem Bier auf die beiden an.
2
Ungefähr acht Monate später jammerte er, dass sie für drei Wochen in den Urlaub fahren wollte. Allein. Ohne ihn. Und dass sie ihn gebeten habe, ihr dorthin auf gar keinen Fall zu folgen. Er solle ihr weder schreiben noch sie im Hotel anrufen. Sie wünschte vollkommen ungestört zu bleiben und versprach hoch und heilig, sich zu melden. Vielleicht. Zwei Tage vor ihrer Abreise hatte sie sich von ihm verabschiedet. Am Morgen ihrer Abreise ging er an ihrem Haus vorbei. Es war wahr. Sie war fort.
In den drei Wochen schlief er nicht gut, beichtete er uns. Es kam keine Post. Es gab kein Telefonat. Am Tag ihrer geplanten Rückkehr tauchte sie nicht wieder auf.
Er telefonierte mit dem Hotel. Sie war nie dort gewesen.
Er rief ihre Schwester an. „So ist sie eben“, sagte sie und beteuerte keinen Kontakt zu ihr zu haben. Er glaubte ihr nicht.
„Kommt sie nicht zurück, weil sie genug hatte von unserer Stadt“, klagte er, „oder sogar von mir?“
Wir lachten und rissen Witze.
„Vielleicht reist sie ja wieder einem Mann hinterher.“
„Das kann dauern.“
„Oder sie hat ihn gefunden.“
“Wen?“
„Den Peruaner.“
Wir stießen unter Gelächter mit unserem Bier auf sie an.
3
Irgendwann bat er mich, ihn in ihre Wohnung zu begleiten, er hatte einen Schlüssel. Ich trat von der Haustreppe aus direkt in ein riesiges Zimmer, das gleichzeitig als Atelier und Wohnzimmer diente. Zwei leere Staffelleien. Bilder, gestapelt an die Wand gelehnt. Ungeöffnete Farbtuben. Pinsel. Ein Ohrensessel am Fenster zur Straße. Eine Kochecke neben einer Tür zum hinteren Flur. Dort ein riesiges Bücherregal und auf einem altmodischen Sekretär ungeöffnete Post, die er für sie aus dem Briefkasten hochgebracht hatte. Im Bad der Zahnputzbecher leer. Im Schlafzimmer Kleidung, Kosmetik und viele Schuhe. Nichts deute darauf hin, dass sie länger verreisen würde, sagte er. Ich solle mich selbst überzeugen.
Ich streifte durch die Wohnung. Mir fiel nichts Ungewöhnliches auf. Auf dem Anrufbeantworter nichts. Der Mülleimer leer, der Kühlschrank leer, der Stecker gezogen. Ich zeigte auf den Wandkalender. Keine Einträge mehr nach dem Datum ihrer Abreise.
„Hatte sie einen Job?“
Er war sich nicht sicher. Ich sah die Post durch und hielt ihm einen Brief hin.
„Schau nach.“
„Soll ich wirklich?“
„Falls sie zurückkommt, kannst du es erklären.“
Er riss den Brief auf. Kontoauszüge. Miete, Strom, ein paar größere Abbuchungen. Die Gehaltsüberweisung eines Modesalons.
Ich blätterte im Telefonbuch, diktierte ihm die Nummer. Die dunkle Stimme der Inhaberin sagte ihm, dass sie gekündigt habe.
Auf dem Polizeirevier fragte ihn die Beamtin.
„Ist das Ihre Frau?“
„Nein.“
„Verlobte?“
„Nein.“
„Wohnen Sie zusammen?“
„Nein.“
„Hat sie Ihnen gesagt, dass sie keinen Kontakt möchte?“
Er schaute mich an.
„Ja…“, sagte er ehrlich, „aber…“
„Aber?“
Warum meldet sie sich nicht, schimpfte er. Er toleriere alles. Natürlich, es ist ihr Leben, aber ihm wenigstens Bescheid geben, ist das zu viel verlangt?
„Ist es nicht!“, stimmten wir ihm zu.
„Sie ist ein egoistisches Miststück.“
Wir stießen klirrend auf ihn an. Und auf unsere uns alles verzehrende Liebe zu den Frauen.
4
Irgendwann sah er nicht mehr nur nach der Post, sondern blieb stundenlang in der Wohnung. Schaute fern, betrank sich, schlief in ihrem Bett, fing an dort regelmäßig zu übernachten. Es beruhige ihn, rechtfertigte er sich. Falls jemand anruft, falls sie zurückkommt.
Er nahm sich Urlaub. Nach dem Urlaub ließ er sich krankschreiben, magerte ab. Wir redeten auf ihn ein, dass es endlich Zeit wäre, sie zu vergessen und das Leben ohne sie weiterzuleben. Es gäbe genug, das ihm Halt böte. Die Arbeit, unsere Treffen, der Fußball, das gemeinsame Bier. Er lehnte ab und behauptete: Er wolle nicht weitermachen, als wäre nichts gewesen.
Wir trösteten ihn: Irgendwann würde er schon erschöpft und ihrer überdrüssig werden.
5
Als ich ihn das nächste Mal besuchte, wirkte die Wohnung verändert. Im Zahnputzbecher eine Zahnbürste. Bier auf dem Küchentisch.
Er hatte ein sehr schönes Kleid von ihr in den Türrahmen gehängt.
„Erinnerst du dich an dieses Kleid?“
„Keine Ahnung.“
„Ich weiß nicht mehr, ob ich sie je darin gesehen habe“, sagte er und holte ein anderes Kleid. Ich schüttelte den Kopf.
„Hast du sie eigentlich jemals getroffen?“, fragte er.
Was für eine absurde Frage, dachte ich. Aber so sehr ich auch grübelte, ich war mir nicht sicher, ob ich ihr wirklich einmal begegnet war.
„Was für eine Haarfarbe hat sie?“
„Vielleicht habe ich sie mal flüchtig gesehen. Blond.“
Er stemmte sich aus dem Ohrensessel und drehte eines der Bilder um, die an der Wand lehnten. Das Porträt einer schönen schwarzhaarigen Frau.
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich kenne sie eigentlich nur aus deinen Erzählungen.“
6
Als ich ihn ein paar Wochen später besuchte, wirkte er unheimlich.
„Manchmal denke ich, ich habe sie erfunden.“
Ich lachte und zeigte auf das Porträt der schwarzhaarigen Frau.
„Und wer ist das?“
„Das Porträt einer Frau.“
Ich ging zur Wand entlang und drehte ein Bild nach dem anderen um.
„Hast du das alles gemalt?“
„Habe ich gekauft.“
„Seit wann bist du Kunstsammler?“
Ich war mir nicht sicher, ob er es ernst meinte, dieser sture Kerl.
„Und die Wohnung?“
„Die Wohnung beweist nur die Wohnung.“
Ich lachte und nickte.
„Hast du das alles eingerichtet?“
„Warum nicht?“
„Du hältst dir zwei Wohnungen?“
„Habe ich tatsächlich zwei?“
„Und die Kleider?“
„Sind die Kleider einer Frau.“
Ich kam mit ein paar Schuhen am Finger aus dem Schlafzimmer zurück.
„Die sind alle getragen.“
Er rollte mit den Augen.
„Und die Schwester?“
„Hast du mit ihr gesprochen?“
„Nein, natürlich nicht. Das warst du.“
„Habe ich das wirklich?“
„Und die Kontoauszüge?“
„Da steht der Name einer Frau darauf. Ja.“
„Und die Miete? Die bezahlst du? Das soll alles erfunden sein? Alles inszeniert? Wozu?“
„Vielleicht wollte ich einfach einmal eine Geschichte haben, die mir selbst passiert.“
7
Als wir uns das nächste Mal zum Bier trafen, war er nicht dabei. Natürlich hatte ihn jeder mal mit einer Frau gesehen. Aber war es dieselbe? Mal war sie rothaarig, mal blond, mal brünett. Mal groß und schlank, mal klein und kräftig. Niemand konnte sich über ein längeres Gespräch mit ihr erinnern. Irgendwann war klar: Alles was wir über sie wussten, stammte aus Erzählungen von ihm.
Er tauchte nicht mehr bei uns auf, öffnete mir auch nicht die Tür, als ich nach ihm schaute. Irgendwann hörte ich auf, mir um ihn Sorgen zu machen.
„Vielleicht hat sie sich ja bei ihm gemeldet. Und jetzt reist er ihr nach“, witzelten wir und stießen klirrend mit unserem Bier auf die beiden an.