Das Sammelstück (2020)

„Ist sie das?“
Judith zeigte auf das Foto, das im Flur hing, als sie Maries Wohnung betraten. Er steckte den Schlüssel in die Hosentasche und nickte.
„Interessantes Gesicht.“
„Ja.“
„Schöne Augen. Eigenartig undurchdringlich.“ 
„Findest du?“
Judith vertiefte sich in das Gesicht von Marie. 
„Geradezu blank, die Augen. Rätselhaft.“

Ja, Maries Augen waren auch für ihn ein rätselhaftes Wunder. Er hatte nie das Gefühl bekommen, in sie zu schauen, sondern nur auf sie. So sehr er sich auch mit seinem Blick in Maries Augen hineinbohren wollte, immer er glitt an ihren Augen ab wie an zwei undurchdringlichen Schilden im Nahkampf. Doch wenn Marie ihn anschaute, hatte er den Eindruck, als schauten ihn ihre Augen an wie zwei Lampen, die ihn vollständig ausleuchteten. 

Als sie in Maries Schlafzimmer eng umschlungen endlich zur Ruhe kamen und über ihre wechselseitigen Seufzer lachten, die ihnen immer wieder entfuhren, jeder erlöst und entspannt an die Haut des andern geschmiegt, fragte Judith ihn über Marie aus. 
„Seit wann kennt ihr euch?“
„Wie lange war sie deine Geliebte?“
„Warum ist sie fort?“  
Sie stand schließlich auf, sie konnten ja nicht ewig so ineinander verschränkt liegenbleiben. Wie ein kleines Gewitter prasselten ihre Fragen auf ihn nieder.
„Wo ist sie jetzt?“
„Warum weißt du das nicht?“ 
„Irgendjemand muss doch wissen, wo sie jetzt ist?“
Sie verschwand in der Dusche, kam nach fünf Minuten wieder heraus.
„Hat sie gar nichts mitgenommen?“
„Bist du nicht beunruhigt?“

Natürlich war ihm aufgefallen, dass Marie nichts mitgenommen hatte. Nichts, was ihm ins Auge fiel, nichts wies auf eine Reise oder auf einen ernstzunehmenden Auszug hin. Er fragte sich selbst, ob und was das zu bedeuten hatte.
Er schwang sich aus dem Bett, ging auch duschen, blieb nackt wie sie, als er zurückkam. Judith blätterte neugierig in einem Buch.
„Ist dir aufgefallen, wie sie ihre Bücher sortiert?“
Er stand neben ihr an der Tür, sie zeigte auf das Regal im Schlafzimmer, das um das Bett herum gebaut war. 
„Auf dem Bett die schöne Literatur“, sie drehte sich zur kleinen Wohnstube, das auch als Arbeitszimmer diente, und sagte übertrieben ehrfürchtig: „Und da auf dem Sofa liest sie die Wissenschaft.“
Er gluckste über Judiths Entdeckung, die ihm nie aufgefallen war. Sie verschränkte ihre Arme, als wollte sie ihre Brüste vor seiner Beurteilung schützen.
„Wie war der Sex mit ihr auf dem Sofa?“ 
Sie tippte an seinen Penis, der wie ein Pendel schaukelte.
„Wissenschaftlich,“ knurrte er.
Sie lachte.
Er beugte sich herunter, küsste ihren Hals, sog den feinen Duft ein und flüsterte. 
„Penetration. Friktion. Ejakulation.“
Sie verdrehte die Augen, ging ins Schlafzimmer zurück und glitt mit den Fingern die Buchrücken entlang. Er legte sich auf das Bett, stützte den Kopf in die Hand und betrachtete Judiths Rückansicht und spürte, wie die Lust zurückkam.

Marie hatte die Angewohnheit, wenn sie im Bett oder auf dem Sofa lagen, ihm etwas vorzulesen. Erklärungen von Worten, die sie faszinierten. Anekdoten. Gedichte. Manchmal, wenn sie so umschlungen dalagen und sie vorlas, griff sie nach seinem halb erigierten Schwanz, steckte ihn in sich hinein und las einfach weiter vor. Nur sie las, er nie. Manche Worte schien sie regelrecht zu lieben, zu kosen im Gaumen zu kauen, bevor sie sie herausließ. Er lauschte in diesen Momenten um so faszinierter, denn er spürte ihre Sprechbewegungen sehr genau an seinem Penis. Wie eine Antenne Funksignale empfing, so empfing er ihre Worte. Vielleicht sei er nur deshalb ein so guter Zuhörer, spottete Marie einmal, weil sie ihn fürs Zuhören damit belohnte, in ihr zu sein. 

„Marie war unglaublich gierig. Auf vieles zugleich.“
Sie legte das Kinn auf die Bettkante. Er hatte gar nicht bemerkt, wie sie zum Bett gekommen war. 
„Bist du’s auch?“ fragte sie.
„Was?“
„Ein Sammelstück ihrer Gier?“
Er feixte.
„Was gibt es Schöneres für einen Mann?“
„Du bist einer dieser typischen, eitlen älteren Herren.“
„O ja. Und mit erstaunlich dicken, alten Eiern.“ 
Sie lachte.
„Wie gierig wart ihr aufeinander?“
Er hatte nie darüber nachgedacht. Sie waren es einfach.
„Hatte Marie noch andere Männer neben dir?“
Er zögerte.
„Sie jagte jedenfalls nicht. Nicht nach Männern.“
„Jagen? So wie du die Frauen?“
Er ging darauf nicht ein und sah in ihre unverschämt spöttischen Augen.
„War sie dir verfallen?“
Er lachte. Der Gedanke schmeichelte ihm. 
„Warst du ihr verfallen?“
Er schwieg.
„Hätte es dich gekränkt, wenn sie noch andere Männer neben dir gehabt hätte?“
„Ich kann keine Treue von einer Geliebten verlangen, wenn ich’s nicht mal gegenüber meiner eigenen Frau bin.“
Er fragte sich, ob Judith einen Freund hatte. Sie hatte bislang keinen erwähnt und er hatte auch nicht danach gefragt.
„Wolltest du eigentlich mehr von Marie?“
„Was hätte das sein sollen?“
„Du weißt, was ich meine.“
„Weiß ich nicht. Es lief gut mit meiner Frau. Und wir hatten ja schon unsere Jungs.“
„Klingt irgendwie… pragmatisch. Und berechnend.“
„So sind wir Menschen. Wenn sie eine Affäre haben.“
„So bist du.“
„So bin ich?“
Judith schaute ihn lange an.
„Haben wir etwa eine Affäre?“
Er lachte und drehte sich auf den Rücken. 
„Warum fragst du mich das alles? Warum fragst du überhaupt so viel?“
„Wir sind Anwälte.“
Er musste wieder lachen. 
Judith legte ihre Hand auf seinen noch erstaunlich flachen Bauch.
Sie schauten sich lange an. Er nackt auf dem Bett und sie nackt vor dem Bett kniend.

Sie kicherte plötzlich, zog die Hand von seinem Bauch zurück, griff nach der Bettdecke und ging damit rüber ins Wohnzimmer. Er fror und folgte ihr. Sie legte sich auf das Sofa, strampelte mit ihren langen schlanken Beinen die Decke zurecht, so dass sie ganz das Sofa bedeckte. Nur noch ihr freches Lächeln hüpfte über eines der Zipfel heraus.
„Ganz schön eng für wissenschaftlichen Sex.“
Er stieg zu ihr unter die Decke, seufzte genüsslich, als sie ihre Beine um seinen Körper herum sortierte. Sie machte es ihm leicht, in sie einzudringen und hielt ihn ungewöhnlich fest, damit er sich nicht bewegte.
„Vielleicht hat sie in einer anderen Stadt eine eigene Familie. Und du warst ihr geheimer Geliebter.“
Er schwieg. 
„Und jetzt kommt sie nicht mehr.“
Sie setzte sich auf ihn, ohne dass sie ihn herausließ, strich ihm das Haar aus der Stirn und schaute ihn an. 
Lange hielt er ihren Blick nicht aus und zog ihren Kopf herunter auf seine Schulter.