Der Bestatter, ein ungekämmter Hüne, gab auf und versprach Marie ihren Wunsch zu erfüllen: Die vom Unfall entstellten Körper ihrer Eltern, die nicht zu sehen sie strikt ablehnte, so herzurichten und aufzubahren, dass sie von ihnen Abschied nehmen konnte.
Am nächsten Tag kehrten wir zurück und traten in einen kühlen Raum mit Sitzbänken, dessen Stirnseite mit einem schwarzen Vorhang zugehängt war.
Der Hüne hatte sich die Haare gekämmt und erklärte, dass der Vorhang eine Glasscheibe verberge, hinter welcher sich der eigentliche Aufbahrungsraum mit der Mutter und dem Vater befände. Marie machte eine ungeduldige Bewegung, der Bestatter zog den Vorhang auf. Die Mutter und der Vater lagen auf separaten Rollbahren. Ohne Zögern steuerte Marie auf die Tür zu, gleich neben der Glasscheibe, um in den eigentlichen Aufbahrungsraum einzutreten. Der Hüne hielt Marie nicht zurück. Ich folgte ihr nicht.
Mir fiel auf, dass Marie sich zuerst zum Leichnam der Mutter stellte.
Nachdem sie ein paar Minuten fassungslos bei der ihr stand, zog sie einen Stuhl heran und setzte sich neben sie.
Ich ließ mich draußen vor der Glasscheibe auf eine Bank plumpsen, stemmte die Ellenbogen auf die Oberschenkel, klemmte den Kopf zwischen meine Hände, die mir vorkamen wie die eiskalt-eisernen Backen eines Schraubstocks, starrte auf meine abgeriebenen Schuhspitzen, atmete durch und wartete.
Irgendwann als ich wieder aufschaute, saß Marie beim Vater. Sie klapperte wie ein Storch, so sehr fror sie. Nun musste ich doch in diesen unheimlichen Raum.
Ich legte ihr meine Jacke über die Schulter, warf verstohlen einen Blick auf ihren toten alten Herrn, der keine fünfzig Jahre alt geworden war und jetzt wie eine Mumie aussah. Sein Gesicht war wie das der Mutter frei, doch von einem festen Verband gebunden, der seine Gesichtszüge zusammenzog und seiner erstarrten Mimik einen trotzigen Charakter gab.
Ich sah, dass Marie ihre Hand auf eine seiner Hände gelegt hatte, nur ein Arm lag auf der Decke, der andere aber darunter. Jedenfalls vermutete ich ihn dort.
Sie sprach flüsternd von ihrem unbändigen Verlangen die Decke vom toten Vater ziehen. Der Mutter gegenüber verspüre sie dieses Verlangen nicht, sagte sie leise.
Ich schaute instinktiv zur Mutter rüber und sah, dass dort kein Arm auf der Decke lag. Ich wollte nicht wissen warum und machte, dass ich rauskam.
Der Vorraum kam mir im Gegensatz zum Aufbahrungsraum jetzt wie eine Sauna vor. Ich ließ mich vor der Glasscheibe auf meine hölzerne Rettungsboje fallen. Mir war, als würde ich mit der Bank und meinen Beinen augenblicklich im Betonboden versinken.
Marie wechselte noch öfter mit ihrem Stuhl die Position, so als würde sie ein Stuhlspiel spielen oder wie eine Fotografin die richtige Position suchen, mal saß sie beim Vater, dann wieder bei der Mutter.
Ich hielt mir die Ohren zu, aus Angst sie könnte schluchzen. Ich wollte es nicht hören.
Der Bestatter kam wieder rein, er habe jetzt Dienstschluss murmelte er. Marie fragte, ob man die beiden nicht zu Hause aufbahren könne. Der Hüne schaute hilflos zu mir. Wenigstens für zwei Tage, sagte Marie. Ich schwieg. Er verneinte betreten. Marie brach in heftige Wut aus. Das sei Diebstahl brüllte sie ihn an, die Leichname seien nicht sein Eigentum, sondern Eigentum der Hinterbliebenen und nun solle sie sich auch noch an die Betriebszeiten seines Unternehmens halten?
Der Hüne verzog keine Miene. Er ließ Marie brüllen, nickte verständnisvoll. Und schaute zu mir. Ich schwieg. Eisern. Als Maries Wutausbruch vorbei war sprach er sehr leise, dass manche Leute herumnörgelten wie kalt es hier sein, oder sich beschwerten, wie teuer sein Service sei, sie sich vor den Leichen ihrer eigenen Leute gewöhnlich ekelten, aber angebrüllt hätte ihn noch niemand. Dann knallte er einen Schlüssel auf eine der leeren Bänke, zischte uns an, dass wir in diesen Raum rein könnten, wann immer wir wollten, er verlange auch keine Unterschrift für diesen Schlüssel, ging er zur Tür und riss sie demonstrativ auf. Marie nahm den Schlüssel. Als sie den Bestatter erreichte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. Ich war erleichtert, als wir endlich draußen waren. Ich fuhr sie noch zweimal her und wartete im Auto.
Keine Ahnung wie Marie es hinbekam, dass es keine offizielle Aufbahrung im Trauersaal gab. Die Gäste durften sich vor dem sauber ausgeschachteten Grabloch einfinden, vor dem die beiden Särge thronten wie zwei Schreine. Daneben ein hoher Sandhaufen.
Auf die zwei Sargdeckel hatte sie Kerzen aufgestellt, die der Wind ausblies. Daneben standen haufenweise Fotografien aus den verschiedenen Lebensphasen der beiden. Kindheits- und Jugendbilder. Und eine Auswahl von Fotos aus der Zeit ihrer Ehe. Nur ein Foto zeigte die beiden zusammen. Das Hochzeitsfoto. Es stand auf dem Sarg der Mutter.
Weil die Sargdeckel nicht breit genug waren, hatte Marie auf einem Beistelltisch Getränke und Gebäck serviert. Sie läutete mit einem Glöckchen die Feier ein, hieß die Gäste willkommen, kündigte den Ablauf an, verlor nicht viel Worte, schaltete einen Kassettenrekorder ein.
Nach vier Minuten war das Lied runtergenudelt. Sie bat die Leute sich ein Glas Sekt zu nehmen, sprach einen Toast aus, ließ nachschenken und gestattete, wer mochte, weitere Toasts. Dann durfte das kleine Buffet geplündert werden. Niemand nahm sich etwas vom Gebäck. Ich auch nicht. Marie futterte ungeniert.
Irgendwann erschien der Bestatter mit seiner Schwadron. Marie räumte die Sargdeckel frei und dann begann der Akt des Versenkens der Särge. Die Leute kondolierten, legten Blumen und Kränze ab. Ich stand abseits und schaute zu. Irgendwann waren die Leute weg.
Zwei Friedhofsgärtner rückten an, sie wollten das Loch zuschaufeln und wurden ungeduldig, weil sie an der Grabkante stand und sich nicht rührte. Als ihr das Räuspern des einen Friedhofsgärtners auf den Keks ging, ging sie entschlossen auf ihn zu und riss ihm die Schaufel aus der Hand.
„Ich mach’s selbst.“
Das sei nicht statthaft, brummte der Mann. Marie hob drohend die Schaufel, ließ ihn nicht näher ans Grab.
„Das sind meine Toten“, zischte sie, „Und meine Grabstelle, wenn auch nur gemietet. Verschwinden Sie!“
Der Friedhofsgärtner, dem sie die Schaufel abgenommen hatte, erinnerte Marie an die Vorschriften. Er schaute mich an, ich zuckte mit den Schultern. Der andere stocherte mit seiner Schaufel im Sandhaufen herum. Marie rührte sich nicht, in der Faust die Schaufel. Schließlich lenkte der Friedhofsgärtner seufzend ein und gab Marie ein paar Anweisungen. Wir sollten die Ritzen zwischen der Schachtwand und den Särgen stopfen. Wir. Ich schaute auf meine gewienerten Schuhspitzen. Das Rausziehen der Stützen sollten wir ihnen überlassen. Marie nickte stumm. Dann zogen die beiden ab, die zweite Schaufel steckte stoisch im Sandhaufen.
Und dann schaufelte ich mit Marie los. Es gab einen hohlen, tiefen Ton, als die erste Schaufel Erde auf die beiden Särge einschlug. Bei der Mutter tiefer als beim Vater. Wir warfen abwechselnd dem Vater und der Mutter eine Schippe aufs Dach. Bis die Töne irgendwann gleich klangen.